Hoffnung für Kasachstan e.V. > Land und Leute > Kasachische Geschichten

Kasachische Märchen

Warum Aldar-Kosse bartlos war
Auf einem Fest wurde Aldar-Kosse gefragt: "He, Aldaken! Warum wächst dir kein Bart?" Und Aldar-Kosse antwortete gelassen, als hätte er nur auf diese Frage gewartet: "Kurz bevor ich zur Welt kommen sollte, begannen meine Eltern darüber zu streiten, was ihnen das Schicksal bescheren wird, einen Jungen oder ein Mädchen. Der Vater beharrte: 'Es wird ein Sohn!' Die Mutter behauptete: 'Nein, eine Tochter!' Und ich muss euch sagen, noch vor meiner Geburt liebte und achtete ich meine Eltern. Um es dem Vater recht zu tun, wurde ich als Junge geboren, um die Mutter nicht zu betrüben, blieb ich auf ewig ohne Schnauz- und Kinnbart. Meine Freunde, das Leben bringt uns oft in schwierige Situationen, aber man darf nie den Kopf verlieren: Wenn du schon Hirte geworden bist, musst du auch einen Weideplatz finden."
Alle lachten, und Aldar-Kosse warf noch Reisig ins Feuer. "Ja, und überlegt doch einmal, was hat man denn von dem Schnauzbart und dem Kinnbart? Will man nach oben spucken, stört der Schnauzbart. Will man nach unten spucken, stört der Bart. Anders bei mir: Ich spucke, wie es mir gefällt, und nichts hindert mich. Ist das etwa kein Vorteil? Der größte Vorteil besteht jedoch in etwas anderem. Wen, sagt mir, machen die Jahre und die Unbill des Lebens nicht älter? Mir können weder Kummer noch Zeit etwas anhaben. So heißt es ja auch in dem Sprichwort: 'Das mächtige Kamel kennt keine Müdigkeit, der Bartlose kennt kein Alter.' Ewige Jugend ist viel mehr wert als ein Bart, da kann man sagen, was man will. Stimmt das etwa nicht?" - "Du wirst uns schon was erzählen, Aldaken!" lärmten fröhliche Stimmen. "Trinke Kumys, Schwätzer, Lass es dir schmecken! Mögen dir auf deinen Wegen öfter Leute, die wenig Verstand und viel Geld haben, begegnen."


Warum die Schwalbe einen gegabelten Schwanz hat
Vor vielen, vielen Jahren beherrschte die schreckliche Schlange Aidachar die Welt. Sie lebte nur von Blut und schonte niemanden. Eine gemeine Mücke war ihr Laufbursche. Eines Tages rief die Schlange die Mücke und sprach: "Fliege um die ganze Erde und koste heimlich das Blut aller Lebewesen. Wenn du zurückkommst, meldest du mir, wessen Blut am süßesten schmeckt. Auf den du zeigst, den werde ich totbeißen." Die Mücke flog los. Nachdem sie den Befehl ausgeführt hatte. kehrte sie zurück. Unterwegs traf sie eine Schwalbe. "Woher und wohin des Weges?" - "Bin auf Geheiß meines Herren Aidachar um die Welt geflogen, um herauszufinden, wer das süßeste Blut hat." - "Und was brachtest du in Erfahrung?" - "Am süßesten schmeckt das Menschenblut", wisperte die Mücke. Die Schwalbe geriet in Sorge. "Mücke, sage der Schlange nur nicht die Wahrheit. Der Mensch ist gut, töte ihn nicht." - "Doch, ich sage es!" Da bat die Schwalbe wieder: "Ich bitte dich, bringe kein Unheil über den Menschen, er ist mein Freund." Aber die Mücke: "Doch, ich sage es!" Die Mücke flog zu Aidachar, die Schwalbe erhob sich in die Lüfte. "Nun, berichte alles, was du erfahren hast", zischte die Schlange. "Und wehe dir, Sklave, wenn du ein Wort lügst!" - "Mein Herr und Gebieter", begann die Mücke, "ich sage dir die reine Wahrheit, verheimliche dir nichts. Das köstlichste, das süßeste Blut hat..." Die Mücke wollte "der Mensch" sagen, kam aber nicht mehr dazu. Die Schwalbe stürzte sich jählings auf sie und hackte ihr mit dem scharfen Schnabel die Zungenspitze ab. Die Mücke kreiste über der Schlange: "S-s. S-s-s, S-s-s-..." Sie brachte aber kein Wort hervor. Die Schwalbe zwitscherte fröhlich: "Aidachar, ich weiß, was dir dein lieber Diener sagen wollte: Süßer als alles schmeckt Schlangenblut!" Da bekam die Schlange große Wut auf die Schwalbe, ringelte sich, richtete sich auf und riss die Schnauze auf. Aber kein Vögelchen ist flinker als die Schwalbe. Sie flatterte in alle Winde, und Aidachar konnte sie nur am Schwänzchen packen. Die Schwalbe riss sich los und entkam dem grausamen Tod. Die schreckliche Schlange aber stürzte mit drei Federchen zwischen den Zähnen aus der Höhe auf die Erde. Dabei fiel sie auf einen Stein und hauchte ihr Leben aus. Deshalb hat die Schwalbe einen gegabelten Schwanz, und deshalb haben die Menschen dieses Vögelchen so gern.

Wie Aldar-Kosse drei Riesen besiegte
In jenem Sommer war es ruhig in der Steppe, es gab weder feindliche Überfälle noch Fehden oder Viehraub. Doch plötzlich brach das Unglück herein: Aus fremden Landen, von verschneiten Bergen kamen drei Riesen. Sie stellten ihre Riesenjurte an einem Berg auf und sannen darauf, wie sie Essen erbeuten könnten. Aber weshalb lange darüber nachdenken, wo es doch ganz in der Nähe etwas zu essen gab:
In dem Flachland weiden Pferde - das ist gut!
Schafe ziehen durchs Tal in Herden - das ist gut!
Über Felsen springen Ziegen - das ist gut!
Auf den Hängen Kühe liegen - das ist gut!
Die Riesen fielen über die Herden her und fraßen sie auf. Das Vieh brüllte, die Hirten eilten herbei, aber konnten sie es etwa mit den Riesen aufnehmen?! Die schlugen sich den Bauch voll, und vor lauter Übermut begannen sie ein Spiel: Tausendjährige Felsen, tausend Pud schwere Steine hoben sie aus der Erde aus und warfen sie hin und her. Von diesem Spiel ächzte die Erde, plätscherte das Wasser, flohen die Tiere aus ihren Höhlen, verließen die Vögel ihre Nester, zogen die Nomadenlager von üppigen Weiden in die verdorrte Steppe. Die Aksakale, die Sippen- und Aulältesten, versammelten sich und sannen darüber nach, wie sie sich gegen das Unglück wehren, wie sie die Riesen besänftigen könnten. Sie starrten ihre Bärte an, sannen einen Tag, den zweiten, den dritten...
Während sie nachdachten, schritt Aldar-Kosse schon zur Tat. Er beschlug sich die Stiefel, wechselte das Hemd, schnitzte sich einen Stock, nahm frischen Quark in einem Säckchen mit und begab sich geradewegs zu den Bergen, zum Lager der Riesen. Wer ihm unterwegs begegnete, versuchte ihn umzustimmen: "Kehre um, Aldar-Kosse, du setzt dein Leben sinnlos aufs Spiel... Fliehe mit uns vor der Gefahr, rette dein Leben!" Als Antwort lachte Aldar-Kosse nur: "Der Hase flieht vorm Rascheln des Schilfs, der Held stirbt für die Ehre!" - "Du wirst ganz anders sprechen, Spaßvogel, wenn du die Riesen siehst. Dir wird gleich bange werden, Freundchen." Aldar-Kosse wieder: "Wenn man einen Zaghaften lange jagt, wird er tapfer, wenn man einen Schwachen stark ärgert, wird er stark." - "Mit Tapferkeit allein kann man gegen die Riesen nichts ausrichten. Und es gibt in der ganzen Welt keine Kräfte gegen sie." - "Der Stein zermalmt den Kopf, die Hand zermalmt den Stein. Habt ihr davon schon gehört? Die Riesen werden mir nichts antun, denn jeder Riese hat seine Mucken." So ging also Aldar-Kosse seines Weges. Schon kamen die Schneegipfel in Sicht. Von den Gipfeln her bewegte sich wie ein lebendig gewordener Berg ein Riese auf Aldar-Kosse zu.
Als Aldaken das Ungeheuer sah, stockte ihm der Atem. Aber er sagte sich: "Der Feigling stirbt tausendmal, der Tapfere nur einmal. Was habe ich zu verlieren? Ein Nackter braucht den Platzregen nicht zu fürchten..." Der Riese blieb stehen und stemmte die Fäuste in die Hüften, beugte sich herunter und betrachtete den Menschen. Aldar blieb ebenfalls stehen und beschaute den Riesen, nur von unten nach oben. So stand er da und lachte plötzlich laut los. "Ha-ha-ha! Ha-ha-ha!" Der Riese hatte noch nie einen Menschen lachen hören. "Was sagst du?" keifte er. "Nichts. Ich lache über dich." - "Du lachst? Was ist denn so komisch an mir?" - "Du kamst mir so schwächlich vor, Riese." - "Bist du etwa stärker?" - "Ob stärker oder nicht, aber ich kann Wasser aus einem Stein herauspressen."
Bei diesen Worten beugte sich Aldar-Kosse herunter, als würde er einen Stein aufheben, in der Hand aber hielt er den ziemlich großen Klumpen Quark versteckt. Er drückte den Quark noch fester, die Molke quoll zwischen den Fingern hervor. "Nun, Riese, versuch es auch einmal!" Der Riese suchte einen Stein, drückte ihn mit einer Hand, dann mit beiden, strengte sich so an, dass er schweißnass war, aber kein Wasser floss aus dem Stein. Er warf den Stein weg und sprach: "Nun sehe ich, dass du sehr stark bist. Warum wollen wir streiten, Recke? Komm mit mir. Du sollst mir ein teurer Gast sein."
Sie gelangten zu der Jurte. Das war nun wirklich eine Riesenjurte! Mit der Arba in drei Tagen nicht zu umfahren, an einem Tag mit dem Pferd nicht zu umreiten. Sie traten ein. Aldar-Kosse grüßte höflich, der Riese lobte Aldars Kraft und Gewandtheit vor seinen Gefährten. Die Riesen gaben Aldar den Ehrenplatz, nahmen aus dem Kessel, so groß wie ein umgedrehter Hügel, einen Bullen heraus und gingen daran, den Gast zu ehren. Aldaken lehnte jede Speise ab: "Danke, ich habe mich heute früh satt gegessen, hundert Bullen und tausend Hammel herunter geschlungen. Esst selbst, ihr habt's nötig, seht ja erbärmlich aus..." Da malmten die Riesen mit Zähnen und Kiefern, und im Nu war der riesige Kessel leer. Satt gegessen, luden die Riesen den Gast zum Spielen ein, sie wollten sich draußen belustigen. "Ich spiele gern", sagte Aldar-Kosse, "wenn es ein ehrliches Spiel ist. Aber wehe dem, der beim Spiel mit mir mogelt!" - "Keine Bange, lieber Gast, unser Spiel ist ohne List. Wer den schwersten Felsen aufhebt und ihn am weitesten wirft, der ist der Gewinner."
Der erste Riese nahm einen Felsen so groß wie die Jurte und warf ihn so weit, wie ein Pfeil fliegt. Der zweite Riese warf einen doppelt so großen Felsen zweimal so weit. Der dritte warf einen noch größeren Felsen dreimal so weit, wie ein Pfeil fliegt. Die Erde ächzte, das Wasser plätscherte, schwarzer Staub stieg zum Himmel. "Jetzt bist du an der Reihe, deine Kraft zu zeigen, Recke", sagten die Riesen zu Aldar. Aldaken gähnte, rekelte sich, kratzte sich faul den Rücken und brummte unzufrieden: "Das nennt ihr Spiel? Ihr solltet mit den Aulkindern Murmeln spielen. Wenn ich schon etwas werfen soll, dann nicht Felsen, sondern den ganzen Berg." - "Den ganzen Berg?!" staunten die Riesen. "Ja, den Berg", bestätigte Aldar-Kosse. "Nur ratet mir, in welche Richtung ich ihn werfen soll. Werfe ich ihn in die Richtung Osten - versperrt er dem Tag den Weg, und die ewige Nacht bricht an. Werfe ich ihn nach Westen - versperrt er der Nacht den Weg, dann wird ewig Tag sein, und das ist auch wieder nicht gut. Nach Norden werfen - da versperrt der Berg dem kühlen Wind den Weg, alles Leben stirbt vor Hitze. Werfe ich ihn nach Süden - versperrt er dem warmen Wind den Weg, und die Erde vereist auf ewig. Das beste, ich werfe den Berg hoch!"
Da fielen alle drei Riesen Aldar-Kosse zu Füßen: "Oh, ruhmreicher Recke, du sollst Sieger sein, nur wirf den Berg nicht hoch, wir flehen dich an!" - "Ich brauche keinen geschenkten Sieg", sträubte sich Aldar. Ich bin an der Reihe. Und ich werfe den Berg, wohin ich will." - "Unser Gebieter, habe Erbarmen mit uns!" flehten die Riesen noch inbrünstiger. "Tue mit dem Berg, was du willst, nur Lass uns zuvor in unser Reich gehen." - "Ach, seht mal an", beschämte Aldar die Riesen. "Ihr verspracht, ehrlich zu spielen! Wo ist euer Gewissen? Die Leute sagen: 'Der Großzügige hält einem das Geschenk nicht unter die Nase, der Tapfere hält sein Wort.' Euer Wort ist wie Asche: Wohin der Wind weht, dorthin fliegt es... Na gut, obwohl ihr gemogelt habt, lasse ich euch in alle vier Winde ziehen. Bei uns gilt das Gesetz: Was du dem eigenen Vater nicht verzeihst, verzeihe einem Fremden. Aber beeilt euch! Denn es gelüstet mich, den Berg in den Himmel zu werfen, alle Muskeln spielen schon!" Und Aldaken krempelte die Ärmel auf. Die Ärmel aufkrempeln, das geht schnell, von den Riesen war aber in der kurzen Zeit keine Spur mehr.
Die graubärtigen Aksakale saßen immer noch finster dreinschauend und hingen ihren Gedanken nach. "Salem aiejkum, weise Alten!" hörten sie plötzlich Aldars fröhliche Stimme. "Obwohl es sich nicht schickt, dass ich, ein Bartloser, eine so ehrwürdige Versammlung störe, so kommt es doch vor, dass man in der Not in Stiefeln ins Wasser gehen muss. Genug gedacht! Gebt mir ein Geschenk für die frohe Kunde! Die gefährlichen Riesen haben unser Land verlassen!" Die Aksakale schüttelten ärgerlich die Barte. "Was lügst du, Schwätzer! Es ist nicht die rechte Zeit für Scherze!" Aldar-Kosse lachte: "Was ein Armer auch immer sagt, wird stets Lüge genannt! Wenn ihr euren Ohren nicht traut, traut euren Augen." Da traten die Aksakale aus der Jurte hinaus und sahen ringsum nur Jubel, Freude und Heiterkeit: Die Nomadenlager kehrten mit Liedern, mit Musik und Spielen auf die Weiden zurück. Wieder war es friedlich in der Steppe.
In dem Flachland weiden Pferde - das ist gut!
Schafe ziehen durchs Tal in Herden - das ist gut!
Über Felsen springen Ziegen - das ist gut!
Auf den Hängen Kühe liegen - das ist gut!
In dem Kokpekgrase fühlen sich die Kamele gut,
guten Leuten geht's in den Aulen gut.


Das Märchen vom Faulen

Der Satte braucht keinen Finger zu rühren, um seinen Bauch zu füllen, und er wird zum Faulenzer. Meine Wirtschaft ist so groß, dass sie auf meiner Handfläche Platz findet. Wenn die Pflichten in der Wirtschaft zwischen meinen Söhnen aufgeteilt werden, entfällt auf jeden ein kleines Stück Arbeit. Aber jedes Mal, wenn ich meinen Söhnen sage: "Ihr sollt heute dies oder das tun", antworten sie: "Der ganze Tag liegt noch vor uns." oder "Das hat Zeit bis morgen." Diese Antworten meiner Söhne erinnern mich an einen Faulenzer aus einem Märchen. So einen gab es einmal. Sein Vater besaß unermessliche Reichtümer, und er selbst einen Aul, nie litt er Not. Für ihn war immer alles bereit. Wollte er reiten, stand das Pferd bereit; wollte er essen und trinken, standen Besbarmak und Kumys vor ihm. In seinem ganzen Leben hat er keinen Strohhalm mit eigenen Fingern zerbrochen. Wenn er auf der linken Seite lag, war er zu faul, sich auf die rechte Seite umzudrehen. So war der Faulenzer aus dem Märchen. Sein Aul lag an einem großen Waldstück. Riedgras und Schilf raschelten um seinen Aul, niemals wurde es abgemäht.

Eines Tages gerieten die Aulbewohner in helle Aufregung, denn die Steppe stand in Flammen. Das Feuer näherte sich in Windeseile dem Waldstück. Die Bewohner rannten aus ihren Behausungen und eilten zum Takyr. Der Sohn des Beis, der Besitzer des großen Auls, lag in seiner weißen Jurte und rührte sich nicht von der Stelle - er war zu faul aufzustehen. "Steh auf, Mursa, das ganze Volk flieht. Ein großer Brand bedroht das Waldstück", wandten sie sich an ihn. "Na und, soll es fliehen", antwortete er. "Mursa, du bleibst allein auf dem Lagerplatz!" warnten sie ihn. "Na und, dann bleibe ich eben allein!" antwortete er und rührte sich nicht.

Jemand warnte ihn noch einmal vor dem Feuer: "Das Winterlager verbrennt, wir müssen fort von hier." Er gab zur Antwort: "Soll es brennen, was macht das schon!" Die Bewohner des Auls, die auf den Takyr geflohen waren, wunderten sich über ihren Herrn und meinten, er sei der Urvater aller Faulen. "Wenn das Feuer sein Bett erreicht, springt er vielleicht vor Angst auf und regt sich. Lassen wir ihn in Ruhe", sagten die Dshigiten. Das Winterlager, die Arbas, die Viehhürden flammten lichterloh, der Faule aber lag immer noch in seiner Jurte.

Als das Feuer sich gelegt hatte, ritten einige Dshigiten an die Stelle des alten Lagerplatzes. In einem Haufen Asche und in den Überresten einer weißen verbrannten Filzmatte fanden sie ihren Herrn.

Das Pferd des Khans Shanibek

Der Khan Shanibek hatte einen Rassehengst - ein richtiger Wirbelwind. Er war der ganze Stolz des Khans und das Liebste auf der ganzen Welt. Eines Tages wurde der Hengst krank. Der Khan wusste nicht ein noch aus vor Kummer. Er ließ alle Staatsgeschäfte ruhen, trank nicht, aß nicht und schlief nicht. An alle erging eine furchtbare Drohung: "Wenn es einer zu sagen wagt, mein Lieblingspferd sei tot, jage ich ihm einen Pfahl durch die Kehle." Schrecken verbreitete sich unter den Hofleuten. Die Diener des Khans wagten kaum zu atmen. Die Pferdeknechte ließen das Pferd keine Minute aus den Augen. Das Pferd aber starb schon bald. Jetzt gab es keine Hoffnung mehr. Alle erwarteten den Tod. Die Männer sagten ihren Frauen, die Eltern ihren Kindern Lebewohl.
Da begab sich der weise Shirensche-Scheschen zum Khan. Dieser starrte ihn mit erloschenen Augen an. "Du willst von meinem Pferd sprechen?" - "Ja, großer Khan." - "Was ist mit meinem Pferd? Antworte!" - "Oh, mein Gebieter! Sei ruhig. Mit dem Pferd ist nichts geschehen. Es hat sich nicht verändert, nur will es kein Futter, schlägt die Augen nicht auf, bewegt die Beine nicht und wedelt nicht mit dem Schwanz." - "Also, ist mein Pferd tot?" rief der Khan. "Ja, so ist es, mein Gebieter! Doch bedenke, dass das verbotene Wort, für das allen eine grausame Strafe drohte, nicht aus meinem, sondern aus deinem Mund kam. Ich glaube nicht, dass du dir selbst den Tod wünschst." So wendete der weise Shirensche-Scheschen mit seinen klugen Worten den Zorn des Khans von sich und von den anderen ab.

Der Esel als Sänger

Groß ist die Welt, Menschen gibt es solche und solche, was Wunder, dass irgendwann einmal in einem Aul sorglos der alte Schwätzer Shaksybai lebte. Er besaß einen Esel. Äußerlich unterschied er sich in nichts von anderen Eseln, doch hatte er eine solche Kehle, dass sich sogar die Leute in den Nachbaraulen die Ohren zuhielten, wenn er in seinem Verschlag den Rachen aufriss. Eines Tages kam Shaksybai in die alte Stadt Turkestan und eilte geradewegs zum Basarplatz. Hier band er seinen Esel an einen Baum und huschte, sein Gewand hochgerafft, in eine Teestube. In einer guten Teestube sind immer viele Leute, und wo viele Leute sind, wird gesprochen, und wo gesprochen wird, wird gestritten, und wo gestritten und gesprochen wird, ist Shaksybai unübertrefflich. Es heißt ja: "Ein Schwätzer hat keinen Verschluss vor dem Mund."
Lange wartete der Esel vor der Teestube auf seinen Herrn. Die Sonne brannte, die Fliegen summten, die Bremsen stachen schmerzhaft. Der Esel bekam Hunger und Durst. Was tun? Er tat das, was an seiner Stelle jeder aus seiner Sippe getan hätte: Er hob den Schwanz, stellte die Ohren auf, blähte die Nüstern, riss das Maul auf und schrie. Die Leute, die sich in Geschäften und auch einfach müßig auf dem Basar tummelten, erzitterten und drehten sich zu dem Schreihals um. "Na, der hat ja 'ne Stimme!" raunte der ganze Basar. "So eine haben wir in ganz Turkestan noch nie gehört!" - "Das ist mir neu!" freute sich der Esel. "So viele Jahre ziehe ich durch die Welt und erfahre erst jetzt, was ich wirklich wert bin. Ganz Turkestan hat mein Talent anerkannt!"
Fortan glaubte der Esel, er sei tatsächlich als großer Sänger geboren. Was gerät dem hungrigen Schakal nicht manchmal ins Maul und dem dummen Esel in den Kopf! Der Esel überlegte: "Shaksybai will ich nun nicht mehr dienen! Ruhm und Ehre harren meiner. Werden aber dem Ruhm und Ehre zuteil, der auf seinem Rücken Holz schleppt?" In Hitze geraten, zerrte er aus Leibeskräften am Zügel und lief im Galopp aus der Stadt. Ade, alter Schwätzer Shaksybai! Ade, alte Stadt Turkestan! Der Esel wanderte nun durch die Wüste - die Sonne brannte noch heißer, die Mücken summten noch aufdringlicher, die Bremsen stachen noch schmerzhafter. Der Ausreißer wurde müde, vor Hunger und Durst ganz matt. Weit und breit kein Schatten, kein Grashalm, keine Pfütze. "Schwer ist der Weg zum Ruhm", seufzte der Esel, "aber Allah hält die schützende Hand über seine Auserwählten." Und er wanderte weiter.
Plötzlich sah er - zu seinem Glück oder zu seinem Unglück - einen großen eingezäunten Garten. An einer Stelle war die Umzäunung nicht dicht, und durch die Lücke waren schattige Bäume, einladende, mit jungem Gras bedeckte Wiesen und blinkende Wassergräben zu sehen. Die Verlockung war groß, und der Esel zwängte sich in den fremden Garten. Alles auf der Welt vergessend, aß und trank er gierig. Ziemlich lange stampfte er über Wiesen und Blumenbeete, übersah die Wege, bis er endlich bis zum Rülpsen satt war. Dann blieb er stehen, um zu verschnaufen, hob den Kopf und taumelte vor Überraschung.
Aus dem Gebüsch trat eine junge Steppenantilope auf ihn zu, schön wie eine paradiesische Gurija. Auch die Antilope war heimlich in den Garten gedrungen. Seit dem Morgen tummelte sie sich in der Steppe und war bei ihrem ausgelassenen Treiben bis zu der Umzäunung gelangt, hatte sie übersprungen und labte sich nun an dem üppigen Gras. Als sie auf den Esel stieß, wurde sie ebenfalls starr vor Schreck und setzte schon zur Flucht an.
Als der Esel die Antilope sah, verliebte er sich über seine langen Ohren in sie. Sein Herz hüpfte wie eine erschrockene Springmaus. Mit aufgerissenen Augen schaute er die Schöne an und dachte triumphierend: Wahrhaftig, das Schicksal meint es gut mit mir; schenkte mir eine seltene Stimme, rührte mich in den herrlichen Garten und jetzt schickt es mir eine Braut schöner als alle Bräute unter der Sonne! Er wackelte mit den Ohren und knüpfte ein Gespräch an: "Holde Dame! Mit deiner überirdischen Schönheit hast du mich bezaubert, erlaube, dass ich dir ein Lied singe. Wenn du meine süße Stimme hörst, wirst du die Liebe eines großen Sängers Gewiss nicht abweisen." Die Antilope schaute sich nach allen Seiten um und antwortete leise: "Glaubst du nicht, dass es klüger wäre zu schweigen, Esel? Gib Acht, dass uns wegen deiner Dreistigkeit nicht das gleiche Schicksal blüht wie den sieben sorglosen Dieben."
Und sie erzählte folgende Fabel: "Eines Nachts drangen sieben Diebe in das Haus eines Reichen ein. Sie versteckten sich im Keller zwischen riesigen Fässern mit altem Wein und warteten, bis im Hause alles still wurde, um dann ihrem Diebeshandwerk nachzugehen. Der Weinduft stieg ihnen jedoch in den Kopf, und sie schöpften mit der Hand die edlen Getränke in den Mund. Das endete damit, dass die Diebe in ihrem Rausch vergaßen, wo sie waren, und lauthals lustige Lieder anstimmten. Im Haus hörte man ihr Gegröle, die Wache des Reichen eilte in den Keller und setzte den ungebetenen Gästen arg zu. Wir beide sind doch auch nicht auf Einladung des Herrn in diesen Garten gekommen und laben uns nicht an diesen köstlichen Gräsern, weil er so großzügig ist!" endete die Antilope. "Oh, Antilope, du bist wunderschön", entgegnete der Esel darauf, "doch bist du in der wilden Steppe aufgewachsen und hast anscheinend wenig schöne Lieder gehört. Ich verbrachte mein ganzes Leben unter Menschen, weilte sogar in Turkestan und darf wohl sagen, dass ich den Gipfel der Kunst erklommen habe. Wenn ich erst einmal mein Lied anstimme, wirst du mich bitten, es niemals abzubrechen."
Die Antilope aber gab zur Antwort: "Wäre es nicht klüger, sich in acht zu nehmen und keinen Lärm zu machen? Wer die Vorsicht vergisst, dem ist das Unglück Gewiss so wie jenem unbedachten Holzfäller." Und die Antilope erzählte diese Fabel: "Ein Holzfäller verspätete sich im Wald, die Nacht brach herein. Plötzlich vernahm er in der Nähe laute Stimmen. Der Holzfäller kletterte hurtig auf einen Baum und versteckte sich in den dichten Ästen. Da kamen drei Dschinnen. Sie setzten sich unter den Baum, stellten ein kostbares Gefäß vor sich und begannen den Schmaus. Als ein Dschinn das Gefäß mit der Hand berührte, füllte es sich bis zum Rand mit wohlriechendem Kumys, den wahrscheinlich niemand außer den Dschinnen je getrunken hat.
Der Morgen dämmerte herauf, die Dschinnen versteckten das Zaubergefäß unter dem Baum und verschwanden in verschiedenen Richtungen. Der Holzfäller kletterte rasch herunter, nahm das Gefäß und rannte aus dem Wald. Zu Hause lud er alle Verwandten und Nachbarn ein und brüstete sich mit dem erbeuteten Schatz. Er berührte das Gefäß mit der Hand, und der duftende Kumys ergoss sich in Strömen in die hingehaltenen Schalen. Der Holzfäller war vor Freude so toll, dass er sich das Gefäß auf den Kopf stellte und mit Gekreisch in der Jurte herumdrehte. Er stolperte, das Zaubergefäß fiel herunter und zerbrach. Pass auf, Esel, dass uns wegen deiner Unvernunft nicht dieses süße Gras entgeht."
Der Esel seufzte und sagte verdrießlich: "Oh, Antilope, die Natur hat dich über alle Maßen mit Schönheit beschenkt, in deine Brust aber ein hartes Herz gelegt. Aber ich bin sicher, die herrlichen Klänge meines Gesangs erweichen dein grobes Wesen und wecken in dir edle Gefühle." Die Antilope überredete den Esel weiterhin: "Esel, besinne dich, bevor es zu spät ist, und schone deine Stimme für den Basar in Turkestan. Denn oftmals bringt uns ein einziger Ton, der zu ungelegener Zeit von den Lippen kommt, unwiderrufliches Unheil. Das vergaß der junge Kaufmann, und er musste es bitter bereuen."
Und die Antilope erzählte noch eine Fabel: "Ein junger Kaufmann, der auf einem Fest gezecht hatte, kehrte um Mitternacht durch die dunklen Straßen einer großen Stadt heim. Seine Taschen waren voller Gold. Was, wenn mich Diebe anfallen und meinen Reichtum rauben? überlegte der Kaufmann erschrocken. Um sich Mut zu machen, begann er laut mit sich selbst zu reden: 'Sollen mir die gemeinen Räuber nur unter die Augen kommen! Ich werde schnell mit ihnen fertig. Fürchte selbst den Teufel nicht!' Eine Landstreicherbande lauerte den Nachtschwärmern auf einer Straße nebenan auf. Die Kerle hörten die Worte des Kaufmanns, überfielen ihn, raubten ihm Geld und Gewand und ließen ihn splitternackt durch die Stadt laufen. Esel, es wird nun höchste Zeit, dass wir, wenn wir kein Unglück heraufbeschwören wollen, diese sinnlosen Gespräche beenden und uns vorsichtig aus dem fremden Garten stehlen."
Da rief der Esel: "Oh, Antilope, grausame Schöne! Wie kannst du fordern, dass ich schweige, wo sich doch das Lied für die Liebste aus der Brust ringt und schon in die Kehle steigt?!" Mit diesen Worten Schloss er die Augen, wie es berühmte Sänger tun, riss das Maul auf, wie alle Esel zu einer bestimmten Stunde, und ihm entfuhr ein wilder Schrei. Die Antilope schreckte zurück, war mit einem Satz über dem Zaun und eilte mit dem Wind im Wettlauf in die Steppe. Der Esel, der nichts merkte, schrie weiter. Der Herr des Gartens lief mit einem dicken Knüppel in der Hand herbei und schlug den Esel windelweich, so dass der noch verzweifelter brüllte und halbtot über den Zaun setzte. Langsamen Schritts und mit hängendem Kopf trottete der Esel davon.
Die Nacht brach herein. Der Vollmond stand am Himmel. Da warfen alle Steppenwölfe die Köpfe in den Nacken und heulten, nach dem Brauch ihrer Väter und Urväter, in allen Tonarten. Der Esel hatte nie in seinem Leben Wölfe gesehen und nie ihr Geheul gehört. Er blieb stehen, lauschte und sprach kennerhaft: "Das wollen Sänger sein! Mit meiner Stimme übertöne ich diesen jämmerlichen Chor." Mit furchtbarem Pfeifen und Quietschen ließ er so viel Luft in die Lungen, wie es nur ging, und brüllte so laut, dass es in seinem eigenen Kopf dröhnte. Die Wölfe wurden vor Staunen sofort still: Woher kam mitten in der Nacht in der Steppe ein Esel? Wie auf ein Zeichen stürzten sie los und entdeckten sofort die Beute und damit endete die Geschichte des Esels.
Wenn ihr unbedingt noch eine Geschichte von Shaksybai hören möchtet, dann lauft, so schnell ihr könnt, in die alte Stadt Turkestan, sucht dort eilends den großen Basar und auf dem Basar die belebteste Teestube und tretet ohne Zögern ein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Shaksybai, der seinen Esel vergessen hat, dort noch immer auf einer weichen Filzmatte sitzt, eine Schale Tee nach der anderen trinkt und allerlei glaubwürdige und unglaubwürdige Geschichten schwatzt. Der kann euch allerlei von sich selbst erzählen, ihr braucht nur zuzuhören.

Der gekaufte Traum

Sarsembai wuchs als Waisenjunge auf. Er hatte weder Vater noch Mutter. Sein Leben war hart. Er verdingte sich bei einem reichen Bei als Schafhirte. Dafür versprach ihm der Bei im Herbst ein lahmes Schaf. Sogar darüber freute sich der Hirte. So hütete er die Herde, aß die Reste vom Tisch des Beis und wartete auf den Herbst. Wenn der Herbst kommt, erhalte ich das lahme Schaf und werde endlich wissen, wie ein Stück Fleisch schmeckt...
Eines Tages trieb Sarsembai die Schafe auf eine frische Weide. Da sprang auf einmal ein Wolf aus dem Busch und sprach: "Her mit einem Hammel! Tust du es nicht, zerreiße ich zehn." - "Wie kann ich dir einen Hammel geben, die Herde gehört doch nicht mir. Der Bei erschlägt mich dafür." Der Wolf überlegte eine Weile und sprach: "Ich bin sehr hungrig. Geh zum Bei und bitte bei ihm um einen Hammel für mich."
Sarsembai ging zu seinem Herren und erzählte alles. Der Bei überlegte: Zehn sind mehr als einer; ein Hammel ist billiger als zehn. Zum Hirten sagte er: "Soll der Wolf einen Hammel haben. Aber er darf ihn nicht aussuchen. Verbinde ihm die Augen. Welchen er greift, der soll ihm gehören."
Sarsembai tat, wie ihm geheißen. Der Wolf stürzte sich mit verbundenen Augen auf die Hammelherde und biss einem Schaf die Gurgel durch. Es gibt ein Sprichwort: "Ein Stock in der Steppe dringt dem Unglücklichen in die Stirn." Es kam nämlich so, dass der Wolf jenes lahme Schaf zerriss, das der Herr Sarsembai versprochen hatte. Sarsembai weinte bitterlich. Der Wolf bekam Mitleid. "Nichts zu machen, Hirte", sagte er. "Das Schicksal will es so. Ich lasse dir das Fell. Vielleicht verkaufst du es günstig." Sarsembai warf sich das Schaffell über die Schulter und trieb die Herde weiter.
Da kam ihm der Bei auf dem roten Fuchs entgegen. Er stellte sich auf die Steigbügel und zählte die Schafe und die Hammel. Die Herde war vollzählig, nur fehlte das lahme Schaf Sarsembais. Da war auch schon Sarsembai in Sicht. Er lief hinter der Herde her, in der Hand den Hirtenstab, auf der Schulter das Schaffell, Tränen im Gesicht. Da lachte der Bei so laut, dass sogar das Pferd unter ihm zitterte. "Das ist mir ein schöner Hirte! Konnte sein eigenes Schaf nicht hüten. Wird auch auf meine nicht aufpassen... Fort aus meinen Augen! Wir sind quitt."
Nun trottete Sarsembai durch die Steppe, immer dem Schatten seines Hirtenstabes nach. Er geriet in eine ferne Stadt und begab sich auf den Basar. Lange drückte er sich in dem Menschengewimmel herum, doch niemand fragte nach dem Preis des Schaffells. Erst gegen Abend verkaufte er es für drei kleine Münzen. "Für drei Münzen kann ich mir drei Brotfladen kaufen, von drei Brotfladen drei Tage leben. Komme, was da wolle!" Er lief zu den Brotläden, unterwegs begegnete ihm ein kranker Alter, der um ein Almosen bat. Sarsembai gab ihm eine Münze und behielt die zwei übrigen für sich. Der Alte nickte mit dem Kopf, bückte sich und hob eine Handvoll Sand auf, die er dem Jungen hinhielt. "Nimm das als Dank für deine Güte", sagte er. Sarsembai glaubte, der Bettler hätte den Verstand verloren, wollte den alten Mann aber nicht kränken, nahm deshalb den Sand und schüttete ihn in die Tasche.
Die Nacht brach an. Es wurde dunkel. Wo sollte der heimatlose Hirte sich zur Ruhe legen? In einer Karawanserei bat er um ein Nachtlager. Der Besitzer ließ ihn ein, forderte aber Bezahlung, und Sarsembai gab ihm eine Münze. Alle anderen Mieter ließ der Wirt auf Teppichen und Filzmatten schlafen, nur Sarsembai musste sich auf den blanken Fußboden legen. Der hungrige Bursche schlief schlecht, auf dem kalten harten Boden hatte er schlimme Träume.
Am frühen Morgen wurde es laut in der Karawanserei, im Hof eilten Leute geschäftig hin und her. Fremde Kaufleute, die sich zum Weg rüsteten, bepackten die Kamele, dabei unterhielten sie sich. Einer sagte: "Ich hatte in dieser Nacht einen wunderschönen Traum: Wie ein Khan lag ich auf einem prunkvollen Ruhebett, die helle Sonne neigte sich über mich, auf meiner Brust aber spielte der klare Mond..." Sarsembai trat an den Kaufmann heran und sprach: "Noch nie habe ich einen schönen Traum gehabt, Onkelchen, verkaufe mir deinen Traum! Es soll mein Traum sein." - "Den Traum verkaufen?" fragte der Kaufmann spöttisch. "Was gibst du mir dafür?" - "Ich habe nur eine Münze - eine einzige." - "Her damit!" rief der Kaufmann. "Die Sache ist abgemacht. Nun gehört der Traum dir, mein Junge." Der Kaufmann lachte noch lauter, und alle anderen fielen in sein Lachen ein. Der Hirte aber, mit seinem Kauf sehr zufrieden, lief hopsend vom Hof...
Viele Wege ging Sarsembai, kam durch viele Aule, aber nirgends fand sich Arbeit für ihn, keiner reichte ihm eine Schale Airan. Es war Winter geworden. In dunkler Nacht irrte Sarsembai durch die Steppe und hauchte sich die Finger warm. Der böse Wind stieß ihn hin und her, der Wirbelsturm drehte ihn im Kreis. Sarsembai weinte, und die Tränen froren ihm am Gesicht an. Kraftlos sank er in den Schnee und stammelte verzweifelt: "Weshalb diese Pein, hätten mich doch nur die Wölfe zerfleischt!" Kaum hatte er das gesagt, da stand ein riesiger Wolf vor ihm: das Fell gesträubt, die Augen runkelten! "Endlich Beute!" heulte der Wolf. "Da werden sich meine Kleinen freuen." - "Töte mich, Wolf", sagte der Junge still. "Sollen sich deine Kinder freuen. Der Tod ist für mich schöner als das Leben." Der Wolf rührte sich aber nicht von der Stelle und schaute den Jungen unverwandt an. Endlich stieß er aus: "Bist du nicht Sarsembai, der mir das lahme Schaf gegeben hat? Guten Tag, ich habe dich erkannt. Fürchte dich nicht, ich tue dir nichts zuleide, ich will dir sogar dein Leben retten. Setze dich auf mich und halte dich fest!"
Sarsembai setzte sich auf den Wolf, und der trug ihn durch hohen Schnee bis zum Rand eines tiefen Waldes und sprach: "Siehst du das Lichtlein dort in der Feme? Dort brennt ein Lagerfeuer. Da haben Räuber Rast gemacht. Jetzt sind sie weiter geritten und kommen nicht so bald zurück. Gehe hin und wärme dich an dem Feuer. Am Morgen wird es vielleicht wärmer. Lebe wohl!" Der Wolf verschwand, und Sarsembai eilte zum Feuer. Er wärmte sich und fand zur Stärkung ein paar Knochen, die die Räuber ins Feuer geworfen hatten.
Vor Glück hätte er am liebsten ein Lied angestimmt. Was braucht ein Armer mehr zum Fröhlichsein?
Der Morgen graute, das Feuer brannte nieder und verlosch. Als das Holz verkohlt war, steckte der Junge die Hände in die warme Asche. Das war eine Wohltat! Er grub sie immer tiefer hinein und stieß plötzlich mit den Fingern an etwas Hartes. Sarsembai zog es aus der Asche, und ein Schrei der Verwunderung kam von seinen Lippen. Ein goldenes Kästchen! Das Herz schlug dem Jungen höher. Was mochte darin sein?
Sarsembai klappte den Deckel auf. Sogleich zeigte sich der Rand der Sonne über der Erde, und der erste Strahl fiel auf das Kästchen. Sarsembai schrie auf und kniff die Augen zu, weil es so glänzte. Das Kästchen war über und über voll mit Edelsteinen. Der Hirte drückte das Kästchen an sich und lief außer sich vor Freude in den Wald. Wenn ich nur bald an ein Haus käme! dachte er. Vorbei die Not! Mein Schatz reicht für hundert Leute.
Der Wald aber wurde immer dichter und dichter. Sarsembai bekam Angst, er bereute schon, dass er so tief ins Waldesdickicht gelaufen war. Was fange ich hier mit dem Schatz an? Da schimmerte zwischen den Baumstämmen Licht, und der Junge trat auf eine große Wiese. In der Mitte stand an einem fließenden Bach eine große schmucke weiße Filzjurte. Wer mag hier wohnen? überlegte Sarsembai. Werden sie einem hilflosen armen Teufel nichts zuleide tun? Sarsembai versteckte das goldene Kästchen in der Höhle einer alten Eiche und betrat die Jurte. "Guten Tag!" sagte er. In der Jurte brannte das Herdfeuer, davor kauerte, den Kopf gesenkt, in Gedanken versunken, ein Mädchen. Als es den Fremdling sah, sprang es auf und starrte ihn überrascht und erschrocken an. "Wer bist du Bursche, wo kommst du her?" fragte es schließlich. Sarsembai verschlug es die Sprache. Nie zuvor hatte er ein so schönes Mädchen gesehen, nur in den Liedern der Akynen wird von solchen gesungen. Es musste wohl großen Kummer haben, denn sein Blick war traurig, das Gesicht schneeweiß.
Sarsembai fasste sich und sprach: "Ich bin der Waisenjunge Sarsembai. Irre durch die Welt und suche Arbeit, ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen, habe mich verirrt und bin auf deine Jurte gestoßen. Und wer bist du, Mädchen?" Das Mädchen trat auf ihn zu und sprach, vor Erregung bebend: "Ich heiße Altyn-kys, ich bin das unglücklichste Mädchen unter der Sonne. Aber was kümmert dich mein Los, Sarsembai? Du schwebst selbst in furchtbarer Gefahr. Lauf, so schnell dich deine Beine tragen, fort von hier, wenn du den Weg aus diesem verwunschenen Ort findest. Weißt du, wohin dich deine Not geführt hat? Das ist die Jurte der blutrünstigen Shalmauys-Kempir. Sie muss jeden Augenblick heimkehren. Dann ergeht es dir schlecht... Rette dich, bevor es zu spät ist..."
Da war draußen auch schon Getöse, Gezische und Gestampfe zu hören. Das Mädchen wurde noch bleicher. "Zu spät!" sagte es entsetzt, fasste Sarsembai bei der Hand, zog ihn vom Feuer weg und deckte ihn mit einer Filzmatte zu. Von seinem Versteck aus sah Sarsembai durch eine kleine Ritze alles, was sich in der Jurte zutrug. Die Tür flog auf und ein rotlippiges Ungeheuer, die schreckliche Shalmauys-Kempir stürzte in die Jurte. Sie hatte eine Hakennase, die Haarzotteln hingen ihr herunter, sie fletschte die Zähne wie eine Wölfin. Mit ihren kurzsichtigen Augen schaute sie sich in der Jurte um, setzte sich ans Feuer, hielt ihre knochigen schwarzen Finger in die Flamme. So saß sie eine Weile da, schnaufte schwer, Altyn-kys stand unbeweglich ein wenig abseits und rührte sich nicht.
Nachdem sich die Hexe gewärmt hatte, krächzte sie: "Komm mal her zu mir, Altyn-kys." Vor Angst zitternd, machte das Mädchen einen kleinen Schritt zu der alten Hexe, blieb stehen, diese aber packte es mit ihren krummen Fingern und zog es zu sich heran. Altyn-kys stöhnte vor Schmerz. Sarsembai preßte die Fäuste zusammen und war schon drauf und dran, sich auf die Alte zu stürzen, aber in dem Augenblick kreischte sie böse auf, stieß das Mädchen von sich und schrie: "Du Nichtswürdige! Warum wirst du immer bleicher und magerer?! Weißt du denn nicht, weshalb ich dich in meiner Jurte halte? Ich hätte dich längst essen sollen, aber ich verschiebe es von Tag zu Tag, warte, bis du dich endlich besinnst und dicker wirst. Also höre und merke dir: Wenn du auch morgen noch so mager bist, brate ich dich am lebendigen Leibe auf diesem Feuer!" Damit warf sich die Alte aufs Bett und begann zu schnarchen.
Altyn-kys saß am Feuer und weinte die ganze Nacht. Am Morgen drohte Shalmauys-Kempir dem Mädchen wieder, und verließ, auf ihren Krückstock gestützt, die Jurte. Draußen hörte man Getöse, Gezische und Gestampfe, dann wurde es still. Sarsembai trat hinter der Filzmatte hervor und sagte: "Erzähle mir, wie du zur Sklavin dieser blutrünstigen Shalmauys-Kempir geworden bist." Und Altyn-kys hob an: "In meinem Heimataul lebte ich mit Vater und Mutter in Freude und Zufriedenheit. Eines Tages fuhren die Eltern zu Besuch. Beim Abschied sagte der Vater: 'Liebe Altyn-kys, du bleibst den ganzen Tag allein. Sei ein braves Mädchen, gehe nicht hinaus und lasse niemanden ein.' Mir wurde langweilig in der Jurte und ich trat hinaus. Da kamen fröhliche Freundinnen, überredeten mich, mit ihnen in die Steppe zu gehen und Blumen zu pflücken. Und ich Dumme ging mit.
Da kam eine klapprige Alte, auf den Krückstock gestützt, auf mich zu. 'Ei, was für ein hübsches, was für ein schönes Mädchen!' sagte sie. 'Wohnst du weit von hier?' - 'Nein, in der Nähe. Dort steht unsere Jurte.' - 'Dann bringe mich zu dir und gib mir einen Schluck Wasser.' Ich ahnte nichts Böses und rührte sie in den Aul, gab ihr Wasser. Sie aber wollte nicht aus der Jurte und schaute mich unverwandt an. 'Ei, was für ein hübsches, was für ein schönes Mädchen! Ich will dir die Haare kämmen.' Ich legte ihr den Kopf auf den Schoß, sie zog einen goldenen Kamm heraus und kämmte mich. Da wurde ich furchtbar müde! Ich Schloss die Augen und schlief fest ein. Ob ich lange geschlafen habe, weiß ich nicht, jedenfalls wachte ich in dieser Jurte auf. Inzwischen sind viele Tage vergangen. Seitdem habe ich außer der Shalmauys-Kempir niemanden gesehen. So lebe ich nun Tag für Tag in Erwartung des Todes."
Als Altyn-kys geendet hatte, flehte sie Sarsembai abermals unter Tränen an, er solle seiner Nase nach laufen, ehe Shalmauys-Kempir zurückkommt. Aber Sarsembai lächelte nur zärtlich, dann umarmte er sie wie seine Schwester und sagte: "Ich lasse dich nie allein, Altyn-kys. Wir gehen zusammen fort..." - "Danke für die guten Worte, Sarsembai", sagte Altyn-kys, "aber das wird sich nie erfüllen. Shalmauys-Kempir holt uns ein, und wenn sie uns nicht einholt, erfrieren wir irgendwo im Schnee." - "Wir warten den Frühling ab und laufen fort." Altyn-kys seufzte kummervoll. "Die Tapferen sind oft unbesonnen", sagte sie. "Du hast wohl vergessen, dass Shalmauys-Kempir mich heute tötet." - "Nein, Altyn-kys, du wirst nicht sterben!" rief der Junge hitzig. "Ich habe mir alles gut überlegt. Shalmauys-Kempir ist schlau, wir wollen sie aber zu überlisten versuchen. In der Jurte ist es dunkel, ich ziehe dein Kleid an und gehe heute statt deiner zu ihr! Ich bin größer und kräftiger als du. Vielleicht glückt es uns, die Alte zu übertölpeln und bis zu den warmen Tagen durchzuhalten."
Altyn-kys wehrte mit den Armen ab und sagte, dass sie nie und nimmer ein solches Opfer von Sarsembai annehmen könne. Der Hirt aber blieb fest und unbeugsam. "Altyn-kys, wenn du dich widersetzt, gehe ich noch heute in den Kampf gegen Shalmauys-Kempir und sterbe früher als du!" Da gab das Mädchen nach. Sie wechselten ihre Kleidung; Altyn-kys versteckte sich hinter der Filzmatte, Sarsembai setzte sich an ihrer Stelle ans Feuer.
Da war auch hinter der Tür schon das Getöse, Gezische und Gestampfe zu hören, und in die Jurte stürzte das rotlippige Ungeheuer - die furchtbare Shalmauys-Kempir. Nachdem sie sich am Feuer die Hände gewärmt hatte, krächzte sie: "Altyn-kys, komm mal zu mir!" Sarsembai näherte sich tapfer der Alten. Sie betrachtete ihn mit kurzsichtigen Augen und murmelte vor sich: "Es sieht so aus, als wärst du heute ein Stückchen gewachsen!" Ohne den Betrug zu ahnen, betastete sie Sarsembai, zwickte ihn und sagte kichernd: "Ach, du listiges Ding! Habe mir ja gleich gedacht, dass du mich zum Narren hältst. Brauchte dir nur gehörig zu drohen, und gleich bist du wie verändert! Wenn es so ist, wollen wir noch ein bisschen warten, Fett ansetzen."
So vergingen die Tage und Nächte - bittere Tage und unruhevolle Nächte. Endlich hielt der Frühling Einzug. Die Quelle raunte, die Vögel zwitscherten, die Blumen blühten. Da sprach Sarsembai zu seiner Freundin: "Meine liebe Altyn-kys! Jetzt ist es Zeit, dass wir uns zur Flucht rüsten. Shalmauys-Kempir ist noch böser als vorher. Ob sie unsere Absichten ahnt? Wenn die alte Hexe von mir erfährt, ergeht es uns schlecht, dann sind wir beide verloren. Ich will einen Bogen schnitzen, auf Jagd gehen und Beute machen, damit wir unterwegs nicht verhungern. In drei Tagen komme ich heimlich zurück, und wir stehlen uns fort." - "Tue, wie du es für richtig hältst, Sarsembai", antwortete das Mädchen mit Tränen in den Augen. "Aber gib Acht auf dich bei der Jagd, kehre gesund und heil zurück." - "Weine nicht, Altyn-kys, betrübe mich nicht", sagte Sarsembai. "Wenn du Sehnsucht hast, gehe zur Quelle, blicke aufs Wasser. Siehst du Gänsefederchen schwimmen, bin ich am Leben und gesund, schicke dir aus der Ferne einen Gruß."
Sie nahmen Abschied. Altyn-kys begleitete den Freund ein kleines Stückchen und lief rasch zurück, sie fürchtete, Shalmauys-Kempir könne unverhofft zurückkommen. Sarsembai ging indessen immer weiter den Bach entlang. Am ersten Tag erlegte er drei Wildgänse. Er rupfte sie und warf die Federchen ins Wasser. Am zweiten Tag erlegte er wieder drei Gänse und warf wiederum die Federchen ins Wasser.
Am dritten sah Sarsembai ein Hirschlein auf der Wiese stehen, über ihm kreischten schwarze Krähen. Sie wollten dem kleinen Hirsch die Augen auspicken. Der Junge bekam Mitleid mit dem Hirschjungen und verscheuchte die Krähen. Da sprang der alte Hirsch herbei. "Danke, Sarsembai, ich will dir diesen Dienst lohnen!" sagte er. Sarsembai zog weiter seines Weges. Da hörte er es herzzerreißend blöken. Er schaute in eine Grube, dort lag ein Archar-Lämmchen, zappelte und jammerte, kam aber nicht heraus. Der Junge zog es heraus. Der alte Archar-Bock lief herbei und sprach: "Danke, Sarsembai. Ich will dir deinen Dienst lohnen!" Sarsembai ging weiter. Was war das für ein Gepiepse? Ein nacktes Adlerkücken war aus dem Nest gefallen. Der Junge bekam Mitleid mit ihm, hob es auf und setzte es ins Nest zurück. Da kam der alte Adler geflogen. "Danke, Sarsembai. Ich will dir deinen Dienst lohnen." An diesem Tag hatte Sarsembai nichts erjagt. Der Abend rückte näher. Da besann sich der Junge, dass er seit dem Morgen noch kein einziges Federchen ins Wasser geworfen hatte. Sein Herz bebte. Was nur die arme Altyn-kys denken mochte, wenn sie zum Bach ging? Sarsembai lief hastig zurück.
Altyn-kys hatte unterdessen auf ihn gewartet und sich nach ihm gesehnt. Kaum war Shalmauys-Kempir weg, eilte sie zur Quelle. Das Wasser rieselte und trug Gänsefedern mit sich. Das Mädchen lächelte: "Sarsembai lebt!" Nun kam der dritte, der letzte Tag der Trennung. Altyn-kys stand an der Quelle, starrte eine, die zweite, die dritte Stunde aufs Wasser. Der Bach säuselte, das Wasser floss, aber es trug keine Gänsefeder mit sich. Das Mädchen sank am Ufer nieder, hielt die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich: "Sarsembai ist nicht mehr am Leben! Der tapfere Bursche ist tot und weiß nicht, dass ich bereit wäre, tausendmal zu sterben, wenn er nur am Leben bliebe und glücklich würde."
Das arme Mädchen weinte und grämte sich, dabei merkte es nicht, dass Shalmauys-Kempir schon ganz nahe war und sich wutschnaubend heranschlich. Die Alte packte ihre Gefangene an der Schulter und schleppte sie in die Jurte, um sich an ihr zu rächen. "Jetzt bin ich dir hinter die Schliche gekommen!" kreischte sie. "Wolltest fortlaufen? Hast einen Beschützer gefunden? Wisse, mir entgehst du nicht, und keiner rettet dich. Dein Ende ist da! Jetzt beiße ich dich tot!"
Plötzlich polterte die Tür und schlug weit auf: An der Schwelle stand Sarsembai. Altyn-kys stürzte zu ihm, warf sich ihm an den Hals, die Alte aber hielt sie fest, ließ sie nicht aus der Hand. "Halt ein, Shalmauys-Kempir!" rief der Junge. "Höre mich an: Lasse Altyn-kys frei, ich verspreche dir viel Lösegeld." - "Lösegeld? Lösegeld willst du mir geben? So ein frecher Bursche! Was für Lösegeld kannst du mir geben, du Vagabund?" Da holte Sarsembai das goldene Kästchen aus der Baumhöhle und öffnete es vor der Alten. Als Shalmauys-Kempir den Schatz sah, kreischte sie auf vor Gier und ließ das Mädchen frei. Die Habsucht hatte über die Bosheit gesiegt. "Nimm das Mädchen, nimm es! Gib mir deine Steinchen!"
Aber so einfältig war Sarsembai nun auch wieder nicht, dass er der Alten das Kästchen in die Hände gegeben hätte. "Hier sind die Steinchen, du alte Hexe, sammle sie auf!" rief der Junge und verstreute die Edelsteine in alle Richtungen. Sie rollten leuchtend wie Sterne über den Boden. Shalmauys-Kempir sammelte sie gierig in ihre Schürze, Sarsembai packte die Hand des Mädchens und eilte davon. Sie rannten über die Wiese, ohne auf den Weg zu achten, liefen durch den Wald, ohne sich umzuschauen. Die Äste schlugen ihnen ins Gesicht, Zweige zerrissen ihnen die Haut, Baumstämme und Baumstümpfe versperrten ihnen den Weg. Altyn-kys hatte keine Kraft mehr, sie war ganz zerstochen, ihre Zöpfe waren zerzaust, sie wischte mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht.
Plötzlich hörten die Fliehenden hinter sich Getöse und Gezische; die Erde bebte, die Bäume stürzten um, Shalmauys-Kempir jagte ihnen nach. "Schneller, schneller, Altyn-kys!" rief Sarsembai. "Jetzt sind unsere Beine die einzige Hoffnung." Altyn-kys entgegnete: "Ich habe keine Kraft mehr, Sarsembai. Es schwindelt mir, die Beine wollen mich nicht mehr tragen. Laufe allein weiter! Während Shalmauys-Kempir mich verschlingt, entkommst du ihr." - "Was sagst du da, Altyn-kys? Ich lasse dich nie allein! Du bist mir das Teuerste auf der Welt."
Und sie liefen weiter. Shalmauys-Kempir kam immer näher... Schon war ihre Stimme zu hören, sie fluchte und drohte: "Ich hole euch doch ein! Ich fresse euch doch auf!" Altyn-kys stürzte, atmete nur noch schwach und flüsterte leise: "Lebe wohl, Sarsembai! lass mich liegen, rette dich. Ich bin verloren." Da begann der Junge zu weinen: "Wenn wir schon sterben müssen, dann gemeinsam!" Er hob das Mädchen auf, nahm es auf den Rücken und hastete weiter.
Plötzlich sprang, wie aus dem Boden gestampft, der alte Hirsch herbei und sagte: "Ich habe dich nicht vergessen, Sarsembai. Setzt euch auf mich und haltet euch an meinem Hals fest: Mich holt die verdammte Alte nicht ein." In Windeseile trug der alte Hirsch sie hoch in die Berge. "Hier findet euch Shalmauys-Kempir nie und nimmer." Die Kinder setzten sich, eng aneinandergedrückt, an den Fuß eines Berges, doch kaum hatten sie ein wenig ausgeruht, da wirbelten Staubwolken auf, und Shalmauys-Kempir jagte ihnen mit Kreischen und Heulen nach. Sarsembai sprang auf, stellte sich schützend vor seine Freundin, nahm einen spitzen Stein in die Hand und rüstete sich zur Schlacht.
Da stand, wie aus dem Boden gestampft, plötzlich der alte Archar-Bock vor ihnen und sprach: "Ich habe dich nicht vergessen, Sarsembai. Setzt euch auf meinen Rücken und haltet euch an meinem Geweih fest, ich rette euch aus der Not." Shalmauys-Kempir lief bis zum Berg, der Junge und das Mädchen waren schon auf dem Gipfel. Da wurde die alte Hexe fuchsteufelswild und nagte den Berg an, grub ihn mit den Krallen aus. Der Berg geriet ins Schwanken, drohte jeden Augenblick einzustürzen.
Da flog plötzlich der Adler herbei und sprach: "Ich habe dich nicht vergessen, Sarsembai. Setzt euch rasch auf mich. Sarsembai, du hast mein Junges gerettet, also will auch ich euch retten." Die Kinder sprangen auf den Adler, der erhob sich in die Lüfte, im selben Augenblick stürzte der Berg ein und begrub die böse Shalmauys-Kempir unter sich.
Der Adler flog einen Tag, der Adler flog eine Nacht. Er flog unter den Wolken, er flog über den Wolken. Dann ließ er sich in einem Steppenaul nieder. Altyn-kys schaute sich um und rief freudig: "Das ist ja mein Heimataul!" Der Vater und die Mutter, die den Ausruf des Mädchens hörten, eilten herbei, umarmten und küssten ihre Tochter. "Wo bist du nur so lange gewesen, Altyn-kys? Was für ein Unglück ist dir zugestoßen. Töchterchen? Wem haben wir deine Rettung zu verdanken?" Das Mädchen erzählte alles und wies auf Sarsembai: "Da steht mein Retter!" Sarsembai schlug vor Scham die Augen nieder. Schmutzig, zerkratzt, barfuss, in zerrissenen Kleidern stand er da. Die Mutter und der Vater fassten ihn bei der Hand, führten ihn in die Jurte, zogen ihm das beste Gewand an und boten ihm den Ehrenplatz an. "Bleib bei uns, lieber Sarsembai, lebe von nun an immer mit uns! Wir wollen dich hegen und pflegen wie ein kleines Kind, werden dich ehren wie einen graubärtigen Greis."
Die Jahre vergingen. Sarsembai blieb in dem Aul und trennte sich nie von Altyn-kys. Arbeit und Rast, Kummer und Leid - alles teilten sie. Weit und breit fand sich kein Dshigit, der tapferer und würdiger war als Sarsembai; weit und breit fand sich kein Mädchen, das schöner und zärtlicher war als Altyn-kys. Es kam die Zeit, da sie erwachsen und volljährig wurden, heirateten und noch glücklicher waren. Bald schon wurde ihnen ein Sohn, der Stolz des Vaters und die Freude der Mutter, geboren.
Einmal lag Sarsembai nach der Arbeit auf dem würzigen Steppengras, Altyn-kys saß daneben und beugte sich über ihn, den Sohn an der Brust. Sie lachte vor Glück. Und Sarsembai sagte fröhlich: "Nun hat sich jener schöne Traum, den ich in der Kindheit für eine Münze bei einem Kaufmann in der Karawanserei kaufte, erfüllt. Schaut her, Leute: Ich liege auf einem prunkvollen Ruhebett - auf dem geheiligten Boden meiner Heimat; die helle Sonne - du, meine geliebte Altyn-kys - neigt sich über mich; an der Brust spielt mein reiner Mond, unser lieber Sohn, unser Erstgeborener. Welcher Khan würde mich in diesem Augenblick nicht beneiden!"
Sarsembai, der sich an seine traurige Kindheit erinnerte, wollte noch einmal die Lumpen sehen, in denen er einstmals den Bei verlassen, in denen er durch die Welt geirrt, in denen er in der Jurte der blutrünstigen Shalmauys-Kempir seine Altyn-kys getroffen hatte. Seine Frau brachte ihm den zerrissenen Wams. Sarsembai nahm ihn in die Hand und schüttelte nur mit dem Kopf: Ein Loch am anderen, ein Fetzen am anderen. Und zwischen den Löchern eine Tasche und nicht leer. Was war wohl darin? Sarsembai steckte die Hand hinein und holte eine Handvoll Sand heraus. Da erinnerte er sich an den Bettler, dem er auf dem Basar eine kleine Münze gegeben hatte, und ihm fiel das seltsame Geschenk des Alten ein. Seufzend verstreute er den Sand in den Wind. Der Wind verteilte die leichten Sandkörnchen in der ganzen Steppe. Und da standen auf einmal überall Schafherden, Pferdeherden und Kuhherden. Die Sandkörnchen verwandelten sich in mächtige Kamele, wilde Pferde, gute Milchkühe und dicke Hammel.
Die Leute aus dem Aul fragten: "Wem gehören diese unzähligen Herden? Wem gehört dieser märchenhafte Reichtum?" Sarsembai antwortete: "Mir und euch gehören diese unzähligen Herden, mir und euch gehört dieser märchenhafte Reichtum."

Der Hellseher
In einem Aul war einmal vor langen Zeiten ein armer Mann. All seine Habe bestand aus einer großen Fuchsmütze mit langen Ohrenklappen und einem Pferd. Die Mütze war zerschlissen - Loch an Loch, dafür hatte er ein Pferd, das seinesgleichen suchte. Die Sonne beneidete es um seine Kraft, der Wind beneidete es um seine Schnelligkeit. In einem anderen Aul lebten zwei Reiche - die älteren Brüder des Armen. Sie besaßen dreißig Pferdeherden, dreißig Schafherden, dreißig Jurten und Teppiche, Geschirr und Waffen im Übermaß. Aber all das brachte ihnen keine Freude. Sie konnten es nicht verwinden, dass der jüngere Bruder ein Pferd besaß, das seinesgleichen suchte, und sannen nur darüber nach, wie sie dem Pferd den Garaus machen könnten.
Eines Tages setzte der Arme seine löchrige Fellmütze auf, sprang aufs Pferd und ritt zu den Brüdern. Als die ihn sahen, wandten sie ihm den Rücken zu, und ihre Gesichter wurden schwarz vor Zorn. Der Arme aber verneigte sich tief vor ihnen und sprach: "Brüder, die Armut ist über mich hereingebrochen, ich will mich als Knecht verdingen, das Pferd aber bindet mich. Könnt ihr es nicht bis zum Herbst in eurer Herde weiden lassen? Euch kostet das nichts, mir aber wird eine Sorge genommen. Im Herbst will ich euren Dienst lohnen." Die Reichen warfen sich viel sagende Blicke zu, zwinkerten und antworteten dem Armen freundlich und einschmeichelnd: "Lieber Bruder, wir sind immer froh, wenn wir dir helfen können. Lasse dein Pferd bis zum Herbst in unserer Herde. Wir fordern nichts dafür." Der Arme dankte den Brüdern, führte das Pferd zur Herde und kehrte zufrieden und fröhlich heim.
Der Frühling ging vorüber, der Sommer begann. Der Arme arbeitete als Knecht und war guten Muts: Er war satt und sein Pferd gut aufgehoben. Eines Tages trat ein fremder Mann an ihn heran und erklärte, er wolle ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit eine wichtige Nachricht bringen. Der Arme folgte ihm, und als sie allein waren, gab sich der Fremde als Pferdehirt seiner Brüder zu erkennen und erzählte: "Etwas Furchtbares ist geschehen. Dein Pferd liegt in den letzten Zügen. Deine Brüder haben es zu Tode geritten, es wird wohl kaum drei Tage überleben. Ich erbarmte mich deiner und eilte her, um dir das zu sagen. Nur verrate mich nicht bei den Brüdern. Wirst du gefragt, wer dir die Wahrheit sagte, antworte: Ich bin Hellseher, weiß alles, was sich in der Welt tut." Damit ging der Fremde fort. Der Arme weinte bittere Tränen und begab sich sogleich zu den Brüdern.
Er traf sie unterwegs, beschimpfte und schmähte sie schluchzend: "Habt ihr denn kein Gewissen, dass ihr einem hilflosen Armen soviel Leid zufügt? Was habe ich euch Schlechtes getan, weshalb schindet ihr mein Pferd zu Tode?" Nun wussten die Reichen, dass der Arme alles erfahren hatte, und stritten alles ab. "Du hast anscheinend den Verstand verloren oder bist betrunken! Was faselst du? Dein Pferd lebt und ist gesund, weidet wohlbehalten in unseren Herden." "Nein, Brüder", sagte der Arme, "ihr hintergeht mich nicht, ihr habt mein Pferd zu Tode gehetzt, und es überlebt keine drei Tage." - "Von wem weißt du das?" fragten die Reichen. "Von niemandem. Ich kann jetzt hellsehen und weiß alles, was sich in der Welt tut", entgegnete er.
Unterdessen hatte sich Volk um die Brüder angesammelt, alle wollten wissen, worum der Streit ging. Der Arme wiederholte, was ihm der Pferdehirt gesagt hatte, die Menge strömte zu den Herden der Reichen, um sich zu vergewissern, ob er seine Brüder nicht verleumdet. Sie sahen, dass der Arme die Wahrheit sprach. Sein halbtotes Pferd lag schwer atmend auf dem Boden und hatte überall Wunden. Da forderte die entrüstete und drohende Menge, dass die Reichen dem Armen als Ersatz für sein Pferd zehn der besten Reitpferde geben sollen. Die Reichen mussten sich fügen. Fortan aber hassten sie den Bruder noch mehr, und sie lauerten nur auf eine Gelegenheit, ihn ins Verderben zu stürzen.
Nun geschah es, dass dem Khan des Landes, in dem die Brüder lebten, ein unsäglich kostbarer Goldbarren gestohlen wurde. Der Khan ließ im ganzen Reich verkünden: Wer das Versteck des Goldes findet, erhalt tausend fette Hammel und dreihundert Stuten. Als das den Reichen zu Ohren kam, eilten sie zum Khan und sprachen: "O großer Khan, unser jüngerer Bruder gibt sich als Hellseher aus. Wir hörten, wie er sich vor seinen Freunden brüstete, er könne in einer Nacht den Dieb finden, nur will er dir nicht gefällig sein. Drohe ihm mit der Todesstrafe und im Morgengrauen hast du deinen Barren wieder." Der Khan glaubte den Brüdern und befahl sogleich, den Armen zu holen.
Als der Arme vor ihm stand, sagte der Khan: "Man sagt, du nennst dich Hellseher. Ich möchte wissen, ob du wahr sprichst. Wenn du im Morgengrauen den gestohlenen Barren gefunden hast, gebe ich dir außer dem Versprochenen obendrein eine Kamelkarawane. Wenn du meinen Befehl nicht erfüllst, lasse ich dich an den Schwanz eines wilden Pferdes binden und mit dir in die Steppe jagen." Der Arme ahnte, dass die Brüder dahinter steckten und antwortete dem Khan: "Oh, großmächtiger Khan, heiße deine Diener in der Steppe eine Jurte für mich aufstellen. Darin will ich übernachten, Beschwörungen aufsagen und vielleicht finde ich am Morgen dein Gold." Im Stillen dachte er: Mögen sie erst einmal in der Steppe eine Jurte aufstellen, um Mitternacht stehle ich mich irgendwie davon.
Dem Armen wurde also in der Steppe eine kostbare Jurte aufgebaut, in der er allein blieb. Um Mitternacht stülpte er sich die Fellmütze auf und schlich vorsichtig zum Ausgang. Da kam gerade der Dieb vorbei, der den Goldbarren des Khans gestohlen hatte. Er sah die kostbare Jurte und glaubte, dass hier etwas zu holen war. Der Dieb wollte gerade die Jurte öffnen, da tat sie sich von selbst vor ihm auf, und der Dieb schlug der Länge nach vor dem Armen hin. Kurz entschlossen warf sich der Arme auf den Dieb und packte ihn an der Gurgel. Der flehte: "Habe Erbarmen, lass mich frei, ich gebe dir den Goldbarren, den ich dem Khan gestohlen habe." - "Ich lasse dich frei, doch sage, wo du den Barren versteckt hast!" forderte der Arme. "Gehe von hier gen Osten, da siehst du einen hohen Hügel und ganz oben einen großen schwarzen Stein. Darunter ist der Schatz vergraben." Der Arme ließ den Dieb laufen und begab sich, da bereits der Morgen graute, zum Khan. Er führte den Khan gen Osten, gefolgt von der Suite und vielen Dienern. Am schwarzen Stein angelangt, hieß der Arme die Diener die Erde aufbuddeln, und sie gruben den Barren heraus. "Hehe, du scheinst mir wahrhaftig ein Hellseher zu sein! Dich will ich im Auge behalten." Der Khan war so froh, dass er dem Armen auf der Stelle tausend Hammel, hundert Stuten und eine Kamelkarawane geben und ihn nach Hause ziehen ließ.
Bald darauf stahl der gleiche Dieb das Lieblingspferd des Khans. Der wurde krank vor Kummer. Wieder ließ er den Armen kommen und wandte sich mit den Worten an ihn: "Wenn du Hellseher bist, dann sage mir, wo mein Pferd ist, und du erhältst die doppelte Belohnung. Wenn du mir aber die Antwort verweigerst oder eine falsche Antwort gibst, lasse ich dir den Kopf abschlagen." Dem Armen lief ein kalter Schauer des Entsetzens über den Rücken, doch er wagte nicht, dem Khan zu widersprechen, nur bat er wieder, für ihn in der Steppe eine Jurte aufzustellen. Der Khan erfüllte seinen Wunsch.
Allein geblieben, sann der Arme darüber nach, wie er mit dem Leben davon kommen könnte. So saß er bis Mittemacht, schlich sich dann heimlich aus der Jurte und rannte davon, immer der Nase nach. Er geriet an eine einsame Schlucht zwischen zwei hohen Bergen, warf sich unter einen Baum und fiel in tiefen Schlaf. Nun begab es sich, dass der Dieb auf dem gestohlenen Pferd in eben diese Schlucht ritt. Er schaute sich um, glaubte sich hier in Sicherheit und wollte in der Schlucht den Morgen abwarten. Er band das Pferd an einen Baum, legte sich, ohne den schlafenden Mann zu bemerken, nieder, und schnarchte, dass es durch die Schlucht hallte. Der Arme erwachte von dem fürchterlichen Geschnarche und konnte sich lange nicht erklären, woher es kam. Da sah er neben sich einen Mann liegen und am Baum ein Pferd. Kein Zweifel - das waren der Dieb und das Pferd des Khans. Sein Herz hämmerte vor Angst und Freude. Leise stand er auf, band das Pferd los, war mit einem Satz im Sattel und jagte juchend zur Jurte des Khans.
Als der Khan am Morgen Pferdegetrappel hörte, lief er, so wie er war, aus der Jurte, und als er sein Lieblingspferd sah, wollte er lange seinen Augen nicht trauen. Erst als er näher trat und das Pferd wieherte, war er beruhigt. Vor lauter Freude befahl der Khan, dem Armen sogleich alles zu geben, was ihm versprochen war, und als Zeichen besonderer Gnade lud er den Armen zu einer Schale Kumys ein. Die Diener brachten für den Khan aus der Jurte Seidenkissen und setzten ihm eine goldene Schale mit dem besten berauschenden Kumys vor. Der Arme saß ein Stückchen weiter ab auf der blanken Erde, und die Diener gossen ihm frischen, zur Hälfte mit Schafmilch gemischten Kumys in eine Holzschale.
Als der Khan seinen Kumys fast zur Neige getrunken hatte, sprang ein riesiger Grashüpfer in die Schale. Der Khan wollte ihn fangen, doch der Grashüpfer hopste weg. Der Khan wollte ihn mit der Hand zerquetschen, da sprang er wieder in die Schale. Nun aber stellte sich der Khan geschickter an, bekam den Grashüpfer zu packen und versteckte ihn in seiner Faust. Der Arme hatte nichts davon gesehen. "He, Hellsichtiger, ich will dich zum letzten Mal auf die Probe stellen. Sag mir doch, was ich in der Hand halte?"
O weh, jetzt bin ich in der Falle, dachte der Arme. Nun kennt der Khan Gewiss kein Erbarmen. Und nach einem schweren Seufzer sagte er laut: "Einmal entkommen, zweimal entkommen, das dritte Mal den Tod gefunden." Der Khan glaubte, der Arme spreche von dem Grashüpfer. "Richtig geraten!" sagte der Khan und riss dem Grashüpfer den Kopf ab.
Noch lange lachte er über die Antwort des Armen, dann beschenkte er ihn reichlich und ließ ihn seiner Wege ziehen. Von nun an litt der Arme nie mehr Not, die reichen Brüder aber, die von seinem Glück erfuhren, überlebten den Verdruss nicht und starben beide am selben Tag.

Der Khan Sulejmen und der Vogel Baigys

Sulejmen besaß viele Schätze in seinen Palästen, am teuersten war dem Khan ein seltener Ring, den er nie vom Finger nahm. Es war ein Zauberring: Wer ihn aufsetzte, verstand die Sprache der Tiere, der Vögel und der Pflanzen und gewann Macht über alle Lebewesen. Einmal wollte sich Sulejmen auf der Jagd mit kühlem Quellwasser erfrischen. Als er eine Handvoll Wasser schöpfte, rutschte ihm der Ring vom Finger und versank. Der Khan wollte gerade in den Quellbach springen und den Ring vom Grund holen, als plötzlich ein großer Fisch aufblitzte, den Ring verschluckte, mit dem Schwanz wedelte und in der Tiefe verschwand.
In großem Kummer ging Sulejmen lange am Ufer entlang, bis er eine einsame Hütte erblickte, an der Fischernetze trockneten. Die Nacht brach herein. Der Khan betrat die Hütte. Als er über die Schwelle trat, hörte er eine näselnde Stimme: "Dank dem Schicksal! Es schenkte uns ein gutes Abendbrot." Den Khan überlief es kalt: In der Mitte der Hütte stand die blutrünstige Hexe Shalmauys-Kempir und streckte ihre kralligen Hände nach ihm aus. Er griff nach dem Jagdmesser, da ertönte eine andere Stimme, süß wie Nachtigallengesang: "Mutter, lass ab von dem Fremdling! Sieh nur, wie schön und stattlich er ist. Der Khan Sulejmen kann nicht schöner sein."
Der Khan drehte sich zu der Stimme um, sein Herz klopfte und entbrannte: Auf einem bunten Teppich am Herd saß ein Mädchen, so lieblich, dass für sie jeder in den Tod gegangen wäre. Shalmauys-Kempir sprach: "Du kannst von Glück reden, dass du meiner Tochter Buluk gefällst, Fremder. Ich habe Erbarmen mit dir, doch verlasse eilends unsere Hütte, mein Alter kommt gleich zurück. Dann bist du rettungslos verloren." Sulejmen antwortete: "Ich weiche keinen Schritt, wenn nicht die schöne Buluk mit mir geht."
Im selben Augenblick schäumte der Bach, die Erde dröhnte und die Hütte wankte, als tobte ein Wirbelsturm. Shalmauys-Kempir hastete aufgeregt in alle Ecken, öffnete schließlich eine Truhe und rief zu Sulejmen: "Kriech in die Truhe, Wahnsinniger! Schnell!" Kaum hatte sie die Truhe zugeschlagen, da wälzte sich der alte Menschenfresser, der einäugige Riese Djau in die Hütte. "Es riecht nach Menschenfleisch!" schrie er aus seiner riesigen Kehle. Die Frau schalt ihn: "Bist wohl ganz von Sinnen, alter Narr! Es riecht nach dem Dshigiten, den wir gestern verschmausten. Heute hat niemand bei uns hereingeschaut."
Die Nacht verging. Im Morgengrauen ging der Djau zum Bach auf Fischfang und kehrte bald mit gutem Fang zurück. "Macht Frühstück", befahl er der Frau und der Tochter. "Ich gehe wieder auf Jagd, vielleicht erbeute ich zum Mittag einen Recken oder das Ross eines Recken." Er ging. Shalmauys-Kempir ließ Sulejmen aus der Truhe und stieß ihn zur Tür. "Fort aus meinen Augen, ungebetener Gast! musste deinetwegen Höllenangst ausstehen!" Aber Sulejmen rührte sich nicht vom Fleck, er konnte seinen Blick nicht von der schönen Buluk lassen. Dem Befehl des Vaters folgend, säuberte das Madchen den Fisch. Als sie einen großen Aland aufschnitt, schrie sie vor Überraschung auf: In seinem Bauch fand sie einen goldenen Ring. Der Ring fiel ihr aus der Hand und rollte Sulejmen direkt vor die Füße. Er hob ihn auf und setzte ihn auf den Finger. Sogleich wurde er allmächtig und weise wie zuvor. "Ich bin der Khan Sulejmen!" sagte er freudig. "Buluk, willst du meine Gattin und Gebieterin der ganzen Welt sein?" So wurde Buluk die Frau des Khans. Nun schlief sie auf seidenen Kissen, aß von goldenem und silbernem Geschirr, kleidete sich in Samt und Brokat. Nichts war dem Khan für sie zu schade. Er vergaß alle Staatsgeschäfte und sann nur darauf, es seiner Frau recht zu machen.
Eines Tages sagte er zu ihr: "Wenn du es wünschst, baue ich dir einen Palast aus Gold und Edelsteinen." - "Ich brauche keinen Palast aus Gold und Edelsteinen", antwortete Buluk launisch und rollte die Augen. "Mein Gebieter, wenn du mich liebst, baue mir einen Palast aus Vogelknochen." Da hieß der allmächtige Sulejmen alle Vögel der Erde herbeieilen und gebot ihnen, sich nach dem Wunsch der Khanfrau demütig dem Todesurteil zu fügen. In schwarzen Scharen, ohne Singen und Zwitschern, flogen die unglücklichen Vögel zu Sulejmens Palast, wo sie willfährig und ergeben ihr Schicksal erwarteten: So viel Macht besaß der Zauberring.
Buluk zählte sie und sagte ärgerlich: "Mein Gebieter, ein Vogel verweigert den Gehorsam, er ist deinem Befehl nicht gefolgt. Dieser Vogel heißt Baigys." Da wurde Sulejmen zornig. Er befahl dem schwarzen Raben, den Verräter Baigys zu suchen und zu bringen. Drei Tage war der Rabe auf der Suche, kehrte aber unverrichteterdinge zurück, nirgends hatte er eine Spur von dem ungehorsamen Vogel gefunden. Nun schickte der Khan den raschen Falken auf die Suche.
Der Falke fand Baigys auf einem Berg unter einem Stein. Der Ungehorsame hatte sich unter den Stein verkrochen, weder mit dem Schnabel noch mit den Krallen war an ihn heranzukommen. Da sagte der Falke: "Ehrenwerter Baigys, was tust du da?" - "Ich denke nach." - "Worüber denn? Was hast du gesagt? Ich habe dich nicht verstanden." Da steckte Baigys den Kopf unter dem Stein hervor, der Falke aber packte ihn und schleppte ihn in den Klauen zum Khan. Baigys sang:
Ach, verloren bin ich! Bin dem Tod verfallen!
Hart sind die Liebkosungen von Feindeskrallen.
Der Falke warf Sulejmen den Vogel zu Füßen, doch auch vor dem Khan sang Baigys sein Lied weiter:
Du, mein Köpfchen, bist kaum einen Finger breit.
Bin nicht größer als ein Sperling unterm Federkleid.
Wenig Fleisch und wenig Blut an meinem Körper ist.
Auch ein Abendfalke wird nicht satt, wenn er mich frisst.
Sulejmen gab ihm einen drohenden Fußtritt: "Baigys, warum bist du meiner ersten Aufforderung nicht gefolgt?" - Baigys antwortete: "Ich habe nachgedacht." - "Worüber denn?" - "Ob es mehr Berge oder mehr Täler auf der Welt gibt." - "Und zu welchem Schluss kamst du?" - "Es gibt mehr Berge, wenn man auch die Häufchen, die die Maulwürfe in der Steppe aufwerfen, zu den Bergen zählt." - "Worüber hast du noch nachgedacht?" - "Ob es mehr Lebende oder mehr Tote gibt." - "Und was meinst du?" - "Es gibt mehr Tote, wenn man die Schlafenden für Entschlafene hält." - "Und worüber hast du noch nachgedacht?" - "Ob es mehr Männer oder mehr Frauen gibt." - "Und was meinst du?" - "Frauen gibt es viel mehr, wenn man jene kleinmütigen Männer dazu zählt, die den Kopf verlieren und bereitwillig jeder Laune der geliebten Frau nachgeben."
Als Baigys dies sagte, hielt Sulejmen die Hand vor die Augen und wurde über und über rot: Der Beherrscher der Welt verstand die Anspielung des kleinen Vogels. Sofort ließ er alle seine gefiederten Untertanen frei, die hoben sich singend und zwitschernd in die Lüfte und flogen in ihre Nester. So wurde der Palast aus Vogelknochen nie gebaut. Die Vögel aber wählten den schlauen Baigys, der ihnen das Leben rettete, für alle Zeiten zu ihrem Richter.


Der Reiche und der Arme
Der blaue Vogel
Im vorvorigen Jahrhundert lebten zwei Brüder. Der Jüngere hatte keine Kinder, trieb viel Handel und war reich. Der Ältere war arm, seine ganze Freude waren die beiden Söhne- Chassen und Chussain. Wenn im Sommer die Beeren reiften, pflückten sie Chassen und Chussain. Die Mutter verkaufte sie auf dem Basar. Davon lebte die Familie.
Eines Mittags, als sich Stille über die Natur legte, als der Schatten groß wurde und im hellen Sonnenschein schwer zu erkennen war, ob das Wasser im Fluss strömte, streiften Chassen und Chussain durchs Ufergesträuch. Plötzlich flatterte ein nie gesehener herrlicher blauer Vogel auf. Die Burschen bestaunten ihn, da erhob er sich in die Lüfte und entschwand ihren Augen. Chassen und Chussain suchten sein Nest und fanden es bald. Darin lagen weißblau gemaserte Eier. Die Jungen waren sehr hungrig und freuten sich über den Fund. Aber die Eier waren so klein, dass Chassen und Chussain dachten: Wenn wir sie essen, stillt das unseren Hunger nicht. Besser bringen wir sie unserem reichen Onkel. Also begaben sie sich geradewegs zum Onkel und fragten ihn, ob er nicht die weißblau gemaserten Eier des blauen Vogels kaufen möchte. "Wo habt ihr sie her?" fragte der Onkel. - "Aus dem Brombeergebüsch", antworteten die Brüder. Der Onkel nahm die Eier, gab Chassen und Chussain zu ihrem größten Erstaunen hundert Rubel und sprach: "Wenn ihr den blauen Vogel fangt, gebe ich euch noch zweihundert Rubel."
Weshalb dem Onkel so viel an dem blauen Vogel lag, wussten Chassen und Chussain nicht, doch ohne lange darüber nachzudenken, nahmen sie die Fangschlingen und gingen zu der Stelle, wo sie das Vögelchen gesehen hatten. Sie fanden das Nest, stellten dort die Fangschlinge auf und versteckten sich im Gebüsch. Bald kam das Vögelchen geflogen, schaute sich nach allen Seiten um, flatterte ins Nest und ging in die Falle. Wie sehr den Kindern der wunderbare blaue Vogel auch Leid tat, trugen sie ihn doch zum Onkel. Sonst sehr geizig, hielt er diesmal Wort (anscheinend war ihm das Vögelchen sehr viel wert!) und gab Chassen und Chussain zweihundert Rubel, Zucker und Gewänder. Das alles brachten die Brüder nach Hause. Aber das Glück sollte in der Familie des Armen nicht lange währen.
Das Herz des blauen Vogels
Weder der Vater noch die Söhne wussten, dass der Onkel den blauen Vogel getötet und seiner Frau gegeben hatte. "Koche mir zum Abend ein Essen daraus", sagte er. "Gib aber keinem Menschen auch nur ein winziges Stückchen von diesem Vögelchen! Hast du verstanden?" Die Frau dachte: Was für ein Essen ergibt dieses Vögelchen, wo doch der Mann einen Hammel auf einmal verschlang? Sie widersprach aber nicht, rupfte das Vögelchen, zerlegte es, warf es in den Kessel, goss Wasser darüber, stellte es aufs Feuer, ging zur Nachbarin und schwatzte sich dort fest.
Unterdessen wollten Chassen und Chussain, von Neugier getrieben, bei dem Onkel in Erfahrung bringen, was aus dem Vögelchen geworden war. Bei dem Onkel trafen sie niemand an, nur aus dem Kessel stieg dichter Dampf auf. "Kocht hier etwa unser Vögelchen?" sagte Chassen verwundert. "Vielleicht ist es das Vögelchen", brachte Chussain nicht weniger verwundert heraus. Sie traten näher an den Kessel, hoben den Deckel an und sahen das blaue Vögelchen darin kochen. "Lass uns kosten!" schlug Chussain vor. "Gewiss, kosten wir!" willigte Chassen ein.
Sie fischten mit dem Löffel das Herz des Vögelchens heraus, teilten es zur Hälfte, aßen es auf und gingen wieder. Die Hausfrau kam, nahm einen Löffel, langte das Fleisch heraus und erbleichte: Das Herz war verschwunden! "Das setzt Gewiss Schelte vom Mann! Warum musste ich mich auch so lange bei den Nachbarn aufhalten!" schalt sie sich. Aber Worte halfen wenig. Sie ging hinaus, fing einen Hahn, schlachtete ihn, nahm das Herz heraus, warf es in den Kessel und beruhigte sich.
Am Abend aß der Mann den köstlichen Schmaus. Nach dem Essen zwinkerte der Mann seiner Frau verschlagen zu, lächelte und sprach: "Nun, liebe Frau, der liebe Gott hat uns Glück geschenkt! Wenn wir morgen aufwachen, wird unter unserem Kopfkissen Gold liegen." Die Frau gab darauf keine Antwort.
Am nächsten Morgen schauten sie unter das Kissen, fanden aber kein Gold. Sie schüttelten das Bett aus, doch es fiel kein Gold heraus.

Im Wald
Wie staunten Chassen und Chussain, als sie am nächsten Morgen unter ihren Kissen je einen ganzen Sack Gold fanden. Und nicht weniger staunten ihre Eltern. Chussains und Chassens Vater, der nie Gold gesehen hatte, erschrak und. rannte zu seinem Bruder, um Rat zu holen. "O weh, lieber Bruder, sage mir doch, was geschehen ist? Meine Kinder haben heute Morgen unter ihren Kissen je einen ganzen Sack Gold gefunden. Ist das schlecht oder gut?" Die Augen des Kaufmanns sprühten Funken vor Neid. Er runzelte die Augenbrauen, schaute zu Boden und sprach drohend: "Um dich steht es schlecht, sehr schlecht! Böse Geister treiben ihr Spiel. Einmal sprach ich mit einem Mullah, und auf die Gnade Allahs hin sagte er: 'Der böse Geist verdirbt den Menschen! Diesen bösen Geist muss man vertreiben.' Nimm deine Söhne, führe sie fort und töte sie, denn sie bringen dir nur Unheil. Das Gold aber gib mir."
Der Vater kehrte betrübt nach Hause. Er überlegte hin und her, zu guter Letzt entschied er: Töten kann ich meine Kinder nicht, ich bringe sie weit in die Steppe oder in den Wald, damit meine Augen sie nicht sehen und meine Ohren sie nicht hören. Am nächsten Morgen borgte er bei den Nachbarn ein Fuhrwerk, setzte seine Kinder darauf und sprach: "Ich bringe euch an eine beerenreiche Stelle. Am Abend hole ich euch, aber ihr müsst einen Sack voll Brombeeren pflücken." Lange dauerte ihr Weg durch die Steppe, bis sie endlich an einen tiefen Wald gerieten. Durch die Baumstämme schimmerten dichte Büsche, und die Jungen sahen viele Beeren. "Hier bleibt und sammelt Brombeeren." Mehr konnte der Vater nicht sagen, wandte sich um und ging weinend zu den Pferden. Heimgekehrt, gab er dem Onkel das Gold und meinte, die bösen Geister vertrieben zu haben.
Chassen und Chussain sammelten einen Sack voll Beeren. Dann ruhten sie sich aus und warteten auf den Vater. Der aber kam und kam nicht. Also mussten die Brüder im Wald übernachten. Als sie am nächsten Morgen erwachten, sahen sie über ihren Köpfen wieder zwei Säcke Gold. Die Brüder rührten sie nicht an, zogen, immer der Nase nach, durch den Wald. Unterwegs begegneten sie einem alten Jäger hoch zu Ross. "Guten Tag, Großvater!" sagten die Brüder wie aus einem Munde. "Guten Tag, Kinder! Woher und wohin des Weges?" - "Woher, wissen wir nicht, der Wald ist groß, unser Weg führt uns zum Erstbesten. Wer keine Töchter hat, dem wollen wir Töchter sein, wer keine Söhne hat, dem wollen wir Söhne sein." - Ich habe keine Kinder, seid meine Söhne. Willigt ihr ein?" - "Es sei", sagten die Jungen. Der Alte hob die Brüder auf das Pferd und sprach: "Reitet los, das Pferd bringt euch zu meinem Haus." Die Brüder dankten dem alten Mann. "Großvater, dort, wo wir schliefen, liegen zwei Sack Gold", sagten sie. Lange lebten Chassen und Chussain bei dem alten Jäger, gewöhnten sich an das Waldleben, lernten sicher schießen und wurden erfahrene tapfere Jäger. Der arme alte Jäger wurde zum reichsten Mann weit und breit.
Als die Brüder herangewachsen waren, fanden sie kein Gold mehr unter ihren Kopfkissen. Eines Tages redeten sie lange miteinander und erinnerten sich an ihr Leben. "Chussain, kennst du das alte Sprichwort", fragte Chassen. " 'Der Hund kehrt, wo er auch umherstreunt, immer dorthin zurück, wo er einen Fleischknochen fand, den Menschen treibt es stets zum Ort seiner Geburt.' Wollen wir ausziehen und unsere Eltern suchen!" - "Was du tust, werde auch ich tun. Wohin du gehst, dahin will auch ich gehen", sagte Chussain. "Lass uns aufbrechen!" Sie gingen zu dem Alten, um Abschied zu nehmen. Die jungen Dshigiten dauerten ihn, und er sprach: "Ich könnte euch eine Herde Vieh als Geschenk mitgeben, doch ich sehe, ihr braucht das nicht. Ich wünsche euch Glück und Segen!" Der Alte gab Chassen und Chussain zwei gute Pferde, und sie preschten davon.

Der siebenköpfige Drache
Einen Monat lang waren die Brüder unterwegs und kamen schließlich an eine Weggabelung. "Hier trennen sich unsere Wege", sagte Chassen. "Du reitest nach rechts, ich reite nach links." - "So soll es sein", antwortete Chussain. "Wo es uns auch hinverschlägt, auf dem Rückweg begegnen wir uns hier wieder." An der Gabelung steckten sie ein Messer mit Holzgriff in die Erde. "Ob wir tot oder lebendig sind, zeigt uns das Messer", sagte Chassen. "Stirbt einer von uns, verbrennt die seiner Richtung zugewandte Seite." Die Brüder nahmen Abschied und ritten in verschiedene Himmelsrichtungen. Lassen wir Chussain reiten, er hat seinen Weg. Jetzt soll von Chassen die Rede sein.
Als Chassen einige kleine Wäldchen hinter sich gelassen hatte und in die offene Steppe ritt, breitete sich vor ihm eine große Stadt aus. Je näher er kam, desto mehr staunte er: Überall hingen große schwarze Fahnen, große schwarze Tücher hüllten die Häuser ein. "Warum trauert die Stadt?" fragte Chassen das erste alte Weib, das er traf. "Du scheinst nicht von hier zu sein", sagte die Alte. "Nun, wenn du willst, sage ich es dir! Ein gefräßiger siebenköpfiger Drache treibt bei uns sein Unwesen. Jeden Tag verschlingt er ein Mädchen und einen Hasen. Heute muss der Khan dem Drachen seine Tochter zum Fraß geben. Der Khan ließ überall verkünden: Wer den Drachen tötet und Khanschaim rettet, erhält sie zur Frau. Nur fand sich kein Tapferer in der Stadt, und der Khan befahl, überall schwarze Fahnentücher aufzuhängen."
Chassen ritt schnurstracks zum Khan. Dieser war gerade nicht zu Hause, aber in einem Zimmer, neben den Gemächern des Herrschers, sah Chassen einen gefesselten Hasen und ein wunderschönes Mädchen. Ihre schwarzen Zöpfe glichen usbekischer Seide, ihr Blick blendete ihn wie ein Sonnenstrahl. Als Khanschaim den jungen Mann sah, zuckte sie zusammen. "Fürchte dich nicht", beschwichtigte Chassen sie. "Ich rette dich aus den Klauen des Drachens. Wie willst du mir es danken?" - "Wenn du mich befreist, nehme ich dich zum Mann." Chassen dachte eine Weile nach und sprach: "Ich komme von weit und bin müde. Ich will mich ausruhen. Wenn der Drache erscheint, wecke mich."
Chassen schlief fest, als es plötzlich klopfte und lärmend die Tür aufschlug. Khanschaim erstarrte vor Entsetzen, als sie auf der Schwelle einen Drachenkopf sah, dann den zweiten, den dritten... Chassen schlief fest. Er wachte nicht einmal von dem Schrei des Mädchens auf. Der Drache näherte sich. Khanschaim beugte sich über Chassen und weinte bitterlich. Die heißen dicken Tränen fielen ihm aufs Gesicht und weckten ihn. Nun sah Chassen den Drachen vor sich. Blitzschnell zog er das schwere Schwert aus dem Gürtel, schwang es, und die sieben Köpfe des Drachen rollten. Khanschaim zog einen goldenen Ring vom Finger, gab ihn Chassen, und er verließ den Palast.
Da schaute zufällig ein Wesir zur Tür hinein. Als er sah, dass das Mädchen am Leben und der Drachen erschlagen war, wunderte er sich, erblickte aber sogleich eine gute Gelegenheit, sich bei dem Khan einzuschmeicheln. Von dem Mädchen ungesehen, eilte er fort und brachte dem Khan die überraschende frohe Nachricht. "Ich selbst habe die Schlange getötet und Khanschaim gerettet!" sagte der Wesir. "Halte dein Versprechen, Khan, gib mir Khanschaim zur Frau!" - "Es soll sein!" antwortete der Khan. Er ließ nun weiße Fahnen aushängen, die Häuser mit weißen Tüchern schmücken, damit alles Volk wusste, dass der siebenköpfige Drache getötet und die Tochter des Khans gerettet war. Dann versammelte er alle Mullahs in der Moschee, um die Hochzeit seiner Tochter mit dem Wesir zu feiern.
Chassen hörte, wie sich der Wesir mit seinem Sieg über den Drachen brüstete. Er zeigte mit dem Finger auf ihn und sagte: "Der ist ein Lügner und ein Feigling! Kann er beweisen, dass er die Wahrheit spricht? Die Schlange habe ich getötet und nicht er!" Alle drehten sich zu Chassen um und betrachteten ihn aufmerksam. "Und wie willst du es beweisen?" versetzte der Wesir hochmütig. "Ich habe einen Beweis", sagte Chassen, holte den Ring aus der Tasche und zeigte ihn den Versammelten. "Den Ring stahl er Khanschaim!" kreischte der Wesir böse. "Wenn du den Drachen getötet hast, dann kannst du ihn auch aufheben und aus dem Fenster werfen", sagte Chassen. Wie sehr sich der Wesir auch mühte, den Drachen aufzuheben, bewegte er ihn doch nicht vom Fleck. Chassen dagegen hob den Drachen mit Leichtigkeit auf und warf ihn aus dem Fenster in den Fluss. Als der Khan nun seine Tochter holen ließ, sagte sie beim Anblick Chassens: "Dieser junge Dshigit hat mich gerettet, und ich selbst gab ihm den Ring." Der Khan jagte seinen Wesir fort, gab Chassen seine Tochter zur Frau und machte ihn zu seinem Vertrauten.
Bald wurde es Chassen langweilig in den prächtigen Gemächern des Khanpalastes, und er ritt immer öfter zur Jagd. Einmal ritt er an einem heißen Tag am Ufer eines Flusses entlang. Der Jagdhund lief neben ihm her. Unter Purpurweiden schnitzte sich Chassen eine Rute und trieb sein Pferd an. Unverhofft kam Wind auf. Es wurde kalt, dichter Schnee fiel. Chassen suchte eine wind- und schneegeschützte Stelle, wo er sich aufwärmen konnte und sah eine einsame hohe Tanne. Mit weichem Schnee bedeckt, glich sie einem großen Zelt. Chassen stellte das Pferd und den Hund darunter ab, brach Zweige, machte Feuer und wärmte sich. Da bemerkte er auf dem Baum in den Ästen eine Alte, die dort herzzerreißend weinte, als würde der Wind heulen. "Warum weinst du?" fragte Chassen. "Frierst du? Komme herunter ans Feuer und wärme dich." - "Ich würde ja herunter kommen, mein Sohn", sprach die Alte, "aber ich fürchte den Hund. Gib mir deine Rute!" Chassen reichte ihr seine Rute, von deren Zauberkräften er nichts ahnte. Die Alte schwang sie über dem Pferd, über dem Hund und über Chassen, und alle drei verwandelten sich zu Stein und blieben so unter der Tanne liegen.

Auf der Suche nach dem Bruder
Kehren wir nun zu Chussain zurück. Kurz nachdem er sich von seinem Bruder getrennt hatte, wurde er Khan und lebte in einer großen Stadt. An dem Tag, als Chassen nicht mehr unter den Lebenden weilte, legte sich Trauer um Chussains Herz, und er entschloss sich, den Bruder zu suchen. Er rüstete das Pferd und machte sich auf den Weg, bis er schließlich an die Weggabelung kam. Das Messer steckte an der gleichen Stelle, die Chussain zugewandte Seite war heil, die andere Seite verbrannt. Chassen war nicht mehr am Leben. Chussain weinte und dachte: Wenn nicht den lebenden, dann suche ich den toten Bruder! Chussain gelangte in jene Stadt, in der Chassen gelebt hatte. Er wurde dort in Ehren empfangen und in den Palast geführt. Hier begegnete Chussain einer jungen Frau und erfuhr, dass sie die Frau des Bruders war. Der überschwängliche Empfang, den ihm der Wesir bereitete, der nach Chassens Tod in den Khanpalast zurückgekehrt war, weckte Chussains Argwohn. Hier stimmt etwas nicht, dachte er. Ist mein armer Bruder etwa Opfer dieses Wesirs geworden? Die ganze Nacht dachte Chussain darüber nach, und als er am Morgen von Khanschaim erfuhr, dass der Bruder bei der Jagd verschwand, begab er sich auf die Suche.
Ebenso wie Chassen überraschte auch Chussain das Unwetter. Die Tanne, die die Zuflucht und das Grab des Bruders wurde, bot auch Chussain Schutz. Sobald er Feuer gemacht hatte, entdeckte er in den Zweigen die Alte, und bekam ebenso wie sein Bruder Mitleid mit ihr. "Klettere herunter von dem Baum, Großmutter, und wärme dich", sagte er. "Ich würde ja herunterklettern, mein Sohn", sprach die Alte. "Aber ich fürchte den Hund. Warte, ich will ihm mit der Rute drohen." Chussain schaute die Alte an, und ein Stich fuhr ihm ins Herz. Er erhob sich von dem Stein, auf dem er saß, setzte das Gewehr an und sagte: "Klettere herunter, oder ich schieße!"
Die Alte kroch, zitternd vor Angst, vom Baum. "Ich glaube, du weißt, wo mein Bruder ist. Heraus mit der Sprache oder es kostet dich dein Leben!" - "Der Stein, auf dem du saßest, ist dein Bruder", antwortete die Alte. "Der Wesir befahl mir, ihn herzulocken und zu töten. Erbarme dich meiner, ich gebe dir deinen Bruder zurück. Nimm die zwischen den Zweigen versteckte Rute und schwinge sie." Gesagt, getan - und anstelle des Steins, auf dem er gesessen hatte, stand Chassen vor ihm. Groß war die Freude, als sich die Brüder nach so langer Trennung endlich in die Arme schlossen.

Rückkehr zu den Eltern
Lange blieb Chussain bei Chassen zu Gast, aber eines Tages sprach er: "Ich will dich an das Sprichwort erinnern, das du mir bei dem alten Jäger sagtest: 'Der Hund sucht die Stelle, wo er sich satt gefressen hat, der Mensch den Ort, an dem er geboren wurde.' Glaubst du nicht, dass es Zeit wäre, unsere Eltern zu suchen?" - "Obgleich du das Sprichwort nicht ganz richtig wiedergegeben hast, bin ich einverstanden. Wenn wir unsere Eltern noch lebend antreffen wollen, dürfen wir unsere Suche nicht länger aufschieben." Gesagt, getan. Mit der erstbesten Handelskarawane zogen Chassen und Chussain los und kamen endlich an einem Festtag auf dem Basarplatz der Heimatstadt an. Hier begegneten sie ihrem Onkel, dem reichen Kaufmann. Der schritt durch die Handelsreihen, der großen Karawane mit den Waren entgegen. Seine Neffen erkannte der Onkel nicht, doch als sie sich zu erkennen gaben, schmeichelte er ihnen, liebedienerte vor ihnen und hätte ihnen am liebsten die Hände geküsst. "Wo sind unser Vater und unsere Mutter?" fragten Chassen und Chussain wie aus einem Munde. "Hier, in der Stadt. Weshalb sucht ihr die Alten, die doch längst das Licht nicht mehr sehen? Ihr seid doch reich genug", sprach der Onkel.
Chassen und Chussain fragten unter den Leuten nach ihren Eltern. Man zeigte ihnen eine alte verfallene Hütte ohne Fenster. In der Dunkelheit konnten sie nicht erkennen, wer sich in der Hütte befand. Chassen und Chussain machten Feuer und erblickten zwei blinde Alte in schmutzigen zerlumpten Sachen. "Vater! Mutter! Was ist euch widerfahren?" riefen sie. Die Mutter fing an zu weinen, als sie die vertrauten Stimmen hörte. Der Vater schwenkte bewegt und freudig die Arme und sagte: "Gibt es denn auf der Welt noch einen Menschen, der mich sucht? Sind etwa meine längst gestorbenen Söhne gekommen?"
Chassen und Chussain erzählten alles der Reihe nach: Wo sie gewohnt, was sie gesehen und wie sie schließlich zu den Eltern zurückgefunden haben. "Warum ließest du uns damals im Wald allein? Jagtest du etwa dem Golde nach?" fragte Chassen den Vater. "Warum holtest du uns damals nicht? Wir hätten ja noch mehr Gold haben können!" warf auch Chussain dem Vater vor. "Vergebt mir, meine Kinder", sagte der Alte weinend. "Euer Onkel sagte, ich müsse ihm nach Allahs Willen das Gold geben und euch töten, weil böse Geister euch beherrschten. Die Trennung von euch trugen auch wir sehr schwer, und ihr seht, was aus uns geworden ist. Euer reicher Onkel half uns nicht aus der Not. Aber die schwerste Strafe ist, dass wir nicht sehen können!" Der Alte schwieg.
Chassen und Chussain verließen die Hütte. Sie gingen auf den Markt, suchten den Onkel und warfen ihn in einen tiefen Brunnen. Als Chassen und Chussain vom Basar zurückkehrten, kamen ihnen die Eltern entgegen. Sie konnten sich am Anblick ihrer Söhne nicht satt sehen. Da wunderten sich die Brüder, dann aber begriffen sie alles - es half wieder der Zauberstock.

Der Schmied und seine treue Frau

Es war vor langen Zeiten. Da lebte in einer Stadt ein kunstfertiger Schmied. Seine Hände brachten alles fertig, was sich der Mensch in seiner Phantasie ausmalte, nur konnte er nicht genug Brot für sich und seine Frau erwerben. In jener Stadt lebte das Volk in Armut, und der Schmied, der nirgends Arbeit fand, litt die größte Not. Doch nie gab er sich seinem Kummer hin, scherzte stets mit den Freunden, sang Lieder, aber von den Sorgen wurde sein Herz schwarz wie Kohle. Er selbst hätte demütig alles erduldet, doch bereitete es ihm große Pein, dass seine junge Frau, eine solche reizende Schönheit, wie sie nur alle hundert Jahre die Welt erblickt, Not litt. Deshalb wollte sich der Schmied in die Hauptstadt des Khans begeben, um dort Arbeit zu suchen, denn er hoffte, dass die reichen Leute Dinge aus seinen geschickten Händen brauchen.
Beim Abschied sagte er zu seiner Frau: "Ach, du mein Leben! Für drei Jahre begebe ich mich in fremde Lande. Wirst du mich bis zu unserem Wiedersehen nicht vergessen? Wirst du mir die Treue halten?" Da neigte sich die Schöne zur Erde, pflückte eine blaue Blume und reichte sie dem Gatten mit den Worten: "Mein Geliebter! Nimm dieses Blümchen und bewahre es so, wie ich meine Gattenehre bewahren werde. Wo du auch sein magst, wie viel du auch durch die Welt wanderst, wisse: Solange die Blume nicht welkt, welkt auch nicht meine Liebe zu dir."
In der Hauptstadt angelangt, ging der Schmied in eine Teestube, um nach dem langen Weg eine Schale Tee zu trinken. Unter den vielen Leuten fielen ihm drei gut gekleidete Männer auf, die schweigend dasaßen, weder Essen noch Trinken anrührten, so, als bedrücke sie großer Kummer. Als die Drei den Unbekannten eintreten sahen, betrachteten sie ihn so aufmerksam, dass dem Schmied unheimlich wurde. "Warum schaut Ihr mich so an, verehrte Herren?" begann der Schmied das Gespräch. "Ich bin ein armer, aber ehrenharter Mann. Aus der Ferne kam ich in die Hauptstadt, um Arbeit zu suchen. Ich bin Schmied, und wer mir etwas aufträgt, wird es nie bereuen."
Die drei Männer warfen sich viel sagende Blicke zu, und der Älteste rief den Schmied heran und sagte freundlich: "Lausche jedem meiner Worte. Wir drei sind Wesire des Khans, was der Teestubenbesitzer nicht weiß und nicht wissen darf. Nicht aus Übermut oder aus Neugier streichen wir über die Basare und durch die Karawansereien, durch die Teestuben und andere belebte Orte, eine wichtige Angelegenheit zwingt uns dazu. Der Khan hieß uns, für ihn einen Palast aus Gold und Silber zu bauen, versprach uns guten Lohn, wenn wir seinen Wunsch erfüllen, drohte uns mit dem Tod, wenn sein Palast nicht rechtzeitig erbaut wird. Nun sind wir in großer Bedrängnis, weil die Zeit verfließt, wir aber in der Hauptstadt keinen Meister finden können, der einen solchen ungewöhnlichen Auftrag übernehmen würde. Kannst du uns, wenn nicht mit der Tat, so wenigstens mit einem Rat helfen?" Glückstrahlend sagte der Schmied: "Weise Wesire, das Schicksal selbst hat mir die Tür zu dieser Teestube geöffnet. Gebt mir so viel Gold und Silber wie nötig, obendrein siebzig Gehilfen, und ich baue euch rechtzeitig einen Palast, wie ihn noch kein Khan gesehen hat."
Noch am selben Tag ging der Schmied an die Arbeit. Der Schmiedeherd glühte, das kostbare Metall klirrte unter dem Hammer, flinke Gehilfen liefen geschäftig hin und her, erfüllten die Anweisungen ihres Meisters. Am festgelegten Tag war der Palast fertig. Und wirklich, keine Hauptstadt konnte sich eines solchen Palastes rühmen: Das Gold und Silber, aus dem die Mauern und das Dach bestanden, war nichts im Vergleich mit seiner Pracht. Als der Khan den neuen Palast sah, freute er sich wie ein Kind und verdreifachte den Lohn für seine Wesire. Dann sprach er: "Zeigt mir den Meister, der auf Erden so ein himmlisches Wunder geschaffen hat!"
Sie führten den Schmied vor. Der Khan umarmte ihn zärtlicher als einen Sohn und sprach Worte, die noch nie ein Mensch von ihm gehört hatte: "Du sollst fortan mein engster Vertrauter und Freund sein", sagte der Khan. "Ich möchte, dass keiner meiner Untertanen und kein fremdländischer Herrscher dein Talent und deine Kunstfertigkeit nutzen. Du wirst mit mir in diesem herrlichen Palast wohnen und nur für mich arbeiten." Von Stund an hegten die Wesire Neid und Ärger gegen den großen Meister, obgleich sie dem Schmied ihr Leben und ihren unendlichen Reichtum verdankten, und sie sannen - jeder für sich allein und auch gemeinsam - darüber nach, wie sie ihm durch üble Nachrede und durch Verleumdung schaden könnten.
Der Schmied zog in den Palast ein. Jeden Tag brachte er dem Khan ein auserlesenes Geschenk, und jedes übertraf das andere an Erlesenheit und Feinheit. Der Khan fasste immer mehr Zutrauen zu dem Schmied, und die Wesire hassten ihn mehr und mehr. Sie verfolgten jeden Schritt des treuherzigen Meisters und bemerkten bald schon, dass er von Zeit zu Zeit ein blaues Blümchen unter dem Hemd hervorholte, es lange betrachtete, dabei die Lippen bewegte, zärtlich küsste und wieder behutsam an die Brust steckte.
Das meldeten die Wesire dem Khan: "Allmächtiger Khan! Dein Liebling, der Schmied, ist ein Zauberer und Hexenmeister. Den Palast hat er mit Hilfe eines verteufelten Blümchens errichtet, das er vor den Leuten versteckt, und hat sich damit auch deine Gunst erworben. Der Bösewicht führt Gewiss etwas gegen dich im Schilde." Der Khan war argwöhnisch und aufbrausend. Er ließ sofort den Schmied holen, und als der vor ihm stand, schrie er ihn wutentbrannt an: "Was ist das für eine Blume, die du vor mir versteckst? Gestehe, wenn du Gnade, wünschst."
Der Schmied erriet sofort, wer sein Geheimnis verraten hatte, und erzählte, die nicht verwelkende Blume hervorziehend, dem Khan offenherzig von seiner schönen Frau und ihren Abschiedsworten. "Dieser Unverschämte erdreistet sich, seinen Gebieter zu belügen!" unterbrach der ältere Wesir den Schmied. "Wir wissen sehr gut, dass seine Frau ihn längst vergessen hat und liebend gern den Erstbesten zum Manne nähme. Es gibt keine Frau, die sich nicht von Geld und Geschenken verführen ließe. Wenn der große Khan es erlaubt, will ich den Beweis dafür erbringen." Der Khan sagte: "Es soll sein." Den Schmied ließ er, ohne ihm ein Härchen zu krümmen, so lange unter Wache stellen, bis der erste Wesir mit dem Beweis kam.
Der erste Wesir ritt unterdessen in die Stadt, in der die Frau des Schmieds wohnte, knüpfte mit einem verdächtigen Mann Bekanntschaft, erkaufte ihn sich und eröffnete ihm seine Pläne. Jener sprach: "In der Stadt und wohl in der ganzen Welt findest du keine Frau, die anständiger und liebender wäre als die Frau des Schmieds. Nur Shalmauys-Kempir kann dir helfen." Und ohne den nächsten Tag abzuwarten, brachte er den Wesir zu der bösen Hexe.
Shalmauys-Kempir sagte mit näselnder Stimme: "Fremdling, gibst du mir tausend Goldmünzen, wende ich all meine List auf, um dich mit dieser Frau zusammenzuführen." Von den tausend Goldmünzen nahm sich Shalmauys-Kempir die Hälfte, die andere Hälfte brachte sie der Frau des Schmieds mit den Worten: "Liebe Tochter, dein Mann zieht durch fremde Städte und hat dich Gewiss längst vergessen. Dieses Geld schickt dir ein ehrenhafter Mann, der dich innig liebt, für kleine Ausgaben. Er ist ein angesehener und reicher Mann; wenn du zärtlich zu ihm bist, wird er dich mit Gold überschütten und dich glücklich machen."
Die junge Frau entgegnete: "Liebe Alte! Der Mann soll mein Gast sein. Ich lasse die Pforte offen. Zeige ihm den Eingang und gehe nach Hause. Ich werde ihn empfangen, wie es ihm gebührt." Die Alte ging zum Wesir und sagte: "Die Frau des Schmieds hat gierig das Geld genommen. Sie willigt in alles ein. Heute Abend sollst du zu ihr kommen. Belohne mich nun für meine Mühe." Der Wesir reichte der Alten eine Handvoll Goldmünzen, so zufrieden war er.
Als die Dämmerung hereinbrach, war der Wesir schon im Hause des Schmieds. Die schöne junge Frau empfing den Gast lächelnd und scherzend, bot ihm einen Platz am Herdfeuer an, setzte ihm Kumys, Fleisch und Süßigkeiten vor. Aber kaum hatte der Wesir die Hand nach dem Schmaus ausgestreckt, da klopfte es plötzlich heftig an die Pforte. "Wer ist das?" fragte der Wesir erschrocken. Die Frau des Schmieds wusste sehr gut, woher das Klopfen kam. Am Tage hatte sie den Hammer ihres Mannes an die Pforte gehängt, jetzt wurde er vom Nachtwind so geschaukelt, dass er aufs Holz trommelte. Aber die Frau tat, als sei sie auch furchtbar erschrocken, fuchtelte mit den Armen und sagte rasch: "Hochverehrter Gast, das wird wohl mein Bruder sein. Er hält sich Gewiss nicht lange auf. Verstecke dich ein Weilchen im Nebenzimmer." Damit öffnete sie dem Gast die Tür. Kaum war der Wesir über die Schwelle getreten, da gab ihm die Frau von hinten einen Stoß, und er flog kopfüber in eine tiefe finstere Grube. Die Frau des Schmieds aber lachte aus vollem Halse. Um dieselbe Zeit holte der Schmied, der eingesperrt im Khanpalast saß die blaue Blume hervor und betrachtete sie. Die Blume war frisch und duftete genauso wie an dem Tag, als er sich von seiner Liebsten getrennt hatte. Der Schmied küsste sie zärtlich.
Am nächsten Tag warf die Frau des Schmieds einen Haufen Schafwolle in die Grube und befahl ihrem Gefangenen, sie zu kämmen. "Sei fleißig, sonst erhältst du mittags keinen Hirsebrotfladen!" So verbrachte der Wesir viele Tage mit Arbeit in der Grube, erhielt zum Mittag einen Hirsebrotfladen, währenddessen der Khan ihn erwartete und zu guter Letzt die Geduld verlor.
Eines Tages sprach er zum zweiten Wesir: "Anscheinend hat dein älterer Gefährte nichts erreicht da er es nicht wagt, mir unter die Augen zu treten. Es wird euch schlecht ergehen, wenn ihr den Meister verleumdet habt!" Der Wesir war halbtot vor Angst: "Mächtiger Khan", sagte er, "wir haben dir die reine Wahrheit gesagt. Befehle und ich beweise es dir." Der Khan sprach: "Es sei!"
Einige Zeit verging, und dem zweiten Wesir widerfuhr dasselbe wie dem ersten. Nachdem er das Geld umsonst ausgegeben hatte, landete auch er in der finsteren Grube. Dort in der Tiefe sah er einen Mann, der Schafwolle kämmte. "Wer bist du?" fragte der zweite Wesir. "Und wer bist du?" wollte der erste Wesir wissen. Da erkannten sie sich und begannen einander zu schelten, gaben sich gegenseitig die Schuld an ihrem Unglück. Die Frau des Schmieds lachte nur, als sie ihr Gezanke hörte. Dann ließ sie den Spinnrocken in die Grube und befahl dem zweiten Wesir, Schafwolle zu spinnen "Gib acht, wenn du schlecht arbeitest, erhältst du zum Mittag keinen Hirsebrotfladen!" Um dieselbe Zeit zog der Schmied die blaue Blume hervor und sah, dass sie immer noch frisch war und ebenso duftete wie zuvor.
Der Khan, der vergeblich auf den zweiten Wesir wartete, schickte den dritten zur Frau des Schmieds. "Wenn du in drei Wochen nicht zurück bist, droht dir und den zwei anderen Nichtsnutzen der Galgen." Voller Sorge und Unruhe, im Vorgefühl des Unheils begab sich der dritte Wesir auf den Weg, und bald schon traf er, wenn auch ohne Freude, seine Gefährten in der feuchten Grube wieder. Alle drei bezichtigten sich, schuld an ihrem Unglück zu sein. Die Frau des Schmieds aber stand am Grubenrand und lachte. Der neue Gefangene erhielt von der Frau einen Webstuhl und den Auftrag: "Du musst mir in drei Wochen einen schönen Teppich weben. Gehe flink an die Arbeit, sei nicht faul: Es hängt von dir ab, ob du zum Mittag einen Hirsebrotfladen erhältst oder nicht..."
Einmal befahl der Khan, ihm den Schmied vorzurühren. "Meine drei Wesire sind noch immer nicht von deiner Frau zurück. Ich vermute, sie hat sie durch Hexerei ums Leben gebracht. Wenn es so ist, lasse ich dir und ihr den Kopf abschlagen. Haben die Wesire dich aber falsch beschuldigt, wird ihnen eine noch härtere Strafe drohen. Ich selbst will in deine Stadt reiten. Du sollst mich begleiten." Nach einer Weile zog die prunkvolle Karawane des Khans in die Stadt des Schmieds ein. Als sie sich seinem Haus näherten, bat der Schmied den Khan um Erlaubnis, seiner Frau die Ankunft eines so hohen Gastes ankündigen zu dürfen. Der Khan ließ es geschehen, und der Schmied trat durch die Pforte ein. Als die schöne junge Frau ihren Mann erblickte, warf sie sich ihm an die Brust und in Sekundenschnelle erzählten sie einander alles, was ihnen während der Trennung widerfahren war. Sodann führte der Schmied den Khan, der von drei Leibwächtern begleitet wurde, in allen Ehren in sein Haus.
Mit Verbeugungen und Begrüßungen hieß die Frau den hohen Gast willkommen. Und sie war so wunderschön, bewegte sich so würdevoll, sprach so klug, dass sich das Herz des Khans sogleich erweichte und er gnädig den Schmaus aus den Händen der einfachen Städterin entgegennahm. Während der Khan mit einer Schale Kumys auf einem schönen Teppich saß, fragte er: "Liebe Frau, sind in der Abwesenheit deines Mannes nicht - einer nach dem anderen - meine drei Wesire zu dir gekommen?" - "Möge dein Leben ewig sein, großer Khan! Der Platz der Wesire ist neben ihrem Gebieter. Was könnte sie in das Haus einer armen und einsamen Frau führen?"
Der Khan schwieg und beschaute sich, um seine Verwirrung zu verbergen, das verschnörkelte Teppichmuster. "Liebe Frau, woher hast du diesen kostbaren Teppich?" - "Allmächtiger Khan, diesen Teppich haben meine Dienerinnen gewebt." Der Khan krauste die Augenbrauen. "Dienerinnen? Dein Gatte sagte mir, er hätte dich in ärgster Not zurückgelassen. Woher nahmst du das Geld, um Dienerinnen zu halten?" - "Meine Dienerinnen fordern keinen Lohn, sie erfüllen alle meine Befehle für einen Hirsebrotfladen am Tag." - "Das ist unglaublich", sagte der Khan und verzog misstrauisch das Gesicht. "Mein Gebieter, gleich sollst du meine Dienerinnen mit eigenen Augen sehen, und sie werden meine Worte bestätigen", sprach die Frau und verschwand hinter der Tür.
Sie ließ die drei Wesire aus der Grube und flüsterte ihnen zu: "O weh, ein Unglück, mein Mann ist zurückgekehrt! Wenn er euch bei mir sieht, seid ihr verloren. Ich habe euch für eure Dreistigkeit bestraft, euren Tod wünsche ich jedoch nicht. Nehmt diese Rasierklinge und rasiert euch rasch die Barte und Schnurrbärte ab, nehmt meine alten Kleider, zieht euch ohne Zaudern um, und ich bringe euch als meine Freundinnen aus dem Haus." Die Wesire taten willig alles, was die Frau forderte. Dann befahl sie ihnen, sich an die Hände zu fassen, und führte sie ins Zimmer, wo der Khan thronte, von seinen Leibwächtern umgeben.
Als die Wesire ihren gestrengen Herrscher vor sich sahen, wurden sie starr vor Schreck, der Khan blickte sie lange verständnislos an und sagte schließlich: "Merkwürdige Dienerinnen! Dem Wuchs und der Gestalt nach Männer, aber in Frauenkleidern. Eure Gesichter scheinen mir bekannt. Wer sind diese Werwölfe?" - "Das sind die, die mich bei dir verleumdet haben und meine treue Gattin in den Schmutz zogen", sagte der Schmied anstelle seiner Frau. "Das ist die Wahrheit, mein Khan." Da fielen die Wesire vor dem Khan auf die Knie und gestanden ihre Übeltaten.
Anfangs hörte der Khan ihnen zornentbrannt zu, doch als die Wesire von ihren Abenteuern im Hause des Schmieds erzählten, bebten seine Lippen, die Schultern zuckten, und er lachte so laut, dass der Kumys aus der Schale auf seine Seidentracht spritzte. Der Khan lachte Tränen, dann sprach er: "Schon lange hatte ich keinen so fröhlichen Tag! Mögen diese drei Dummköpfe, die sich von der Frau an der Nase herumführen ließen und die ich einst meine Wesire nannte, von nun an meine Hofnarren sein. Und du, mein guter Meister, begibst dich zusammen mit deiner treuen Frau als mein teurer Gast in die Hauptstadt, und ich will dich für deine Dienste und für deine Ehrenhaftigkeit belohnen."
Jahre und Jahrhunderte vergingen. Die Gebeine des Khans, der arglistigen Wesire, die Hofnarren wurden, des Schmieds und seiner schönen Frau sind längst verwest. Der Palast aber, den der kunstfertige Meister erbaute, steht noch immer in seiner vollen Pracht. Alles ist vergänglich. Unvergänglich sind nur die Schöpfungen des menschlichen Geistes und der Menschenhände.

Der tapfere Esel

Der Esel war es überdrüssig, Lasten zu tragen, und so sagte er eines Tages zu seinem Gefährten, dem Kamel: "He, Kamel, ich habe es satt, immer nur Lasten zu tragen, mein Rücken ist zerschunden. lass uns ausreißen und nach Herzenslust zu zweit in Freiheit leben." Das Kamel schwieg, überlegte eine Weile und sagte: "Es stimmt, wir haben einen schlechten Herrn, Futter gibt er uns wenig, Arbeit aber viel. Ich würde ja gern flüchten, nur wie?" Der Esel aber hielt die Antwort schon bereit: "Habe alles überlegt, keine Bange", sprach er. "Morgen wird uns unser Herr heißen, Salz in die Stadt zu bringen. Zuerst werden wir ihm gehorsam folgen, wenn es aber bergan geht, fallen wir beide auf der Stelle um und tun so, als hätten wir keine Kraft mehr. Wenn uns der Herr beschimpft und mit dem Stock schlägt, bleiben wir trotzdem liegen. Er wird müde und läuft nach Hause, um Hilfe zu holen. Nun sind wir in Freiheit. Können laufen, wohin wir wollen, wenn uns die Beine nicht versagen." Da wurde das Kamel fröhlich: "Das hast du dir gut ausgedacht! So wollen wir es halten!"
Sie warteten den Morgen ab. Am nächsten Morgen band der Herr die Säcke mit Salz auf und trieb die Tiere in die Stadt. Die Hälfte des Weges gingen sie wie immer: das Kamel voran, der Esel hinterdrein, hinter ihnen der Herr mit dem Stock. Als sie nun bergan liefen, fielen der Esel und das Kamel hin und stellten sich kraftlos, taten so, als würden die Beine sie nicht tragen. Der Herr fluchte: "Ach, ihr Biester, faules Gesindel! Sofort aufstehen, sonst setzt es Hiebe!" Die aber rührten kein Ohr, lagen da, als hörten sie nichts. Da wurde der Herr böse und schlug mit dem Stock auf sie ein. Neununddreißig Hiebe versetzte er dem Kamel - es rührte sich nicht. Als er aber zum vierzigsten Hieb ausholte, brüllte das Kamel los und sprang auf. "So so, wird ja Zeit!" sagte der Herr und nahm sich den Esel vor. Er schlug den Esel vierzig Mal, doch der stöhnte nicht, er schlug den Esel fünfzig Mal, der rührte sich nicht, er schlug den Esel sechzig Mal, der lag da, wie er gelegen hatte.
Da merkte der Herr, dass es schlimm um den Esel stand, der würde wohl sein Leben aushauchen. Das war ein großes Unglück, aber was sollte er tun? Er band die Last vom Esel ab, bürdete sie dem Kamel auf und setzte den Weg fort. Das Kamel schleppte sich nun mühsam voran und verfluchte den Esel: "Vermaledeiter Esel, deinetwegen wurde ich geschlagen und muss nun doppelte Last tragen." Der Esel jedoch wartete, bis der Herr und das Kamel hinter dem Bergpaß verschwanden, sprang auf und lief fort, so schnell ihn seine Beine trugen. Er lief drei Tage, lief über drei Berge und durch drei Täler und erreichte schließlich eine große Wiese an einem reißenden Fluss. Dem Esel gefiel die Wiese, hier wollte er bleiben.
In dieser Gegend herrschte aber schon viele Jahre lang ein mächtiger Tiger. Eines Tages entschloss sich der Tiger, seine Besitztümer in Augenschein zu nehmen. Er machte sich am Morgen auf den Weg und stieß am Mittag auf den Esel. Der Esel spazierte über die Wiese, wedelte mit dem Schwanz und rupfte Gras. Der Tiger dachte: Was ist das für ein Tier? Ein solches kam mir nie unter die Augen. Auch der Esel schaute auf den Tiger und wurde starr vor Schreck. Jetzt ist mein Ende gekommen! dachte er. Doch dann überlegte er: Bevor ich sterbe, zeige ich dem schrecklichen Tier, wie tapfer ich bin. Er stellte den Schwanz hoch, wackelte mit den Ohren, riss das Maul weit auf und brüllte aus voller Eselskehle. Dem Tiger wurde schwarz vor Augen. Er schreckte zurück und rannte, was er konnte, ohne sich umzuschauen.
Unterwegs begegnete ihm der Wolf. "Vor wem hast du dich so erschrocken, Gebieter?" - "Vor einem Tier, das schrecklicher als alles auf der Welt: Anstatt Ohren hat es Flügel, die Schnauze ist wie ein riesiger Schlund, und es brüllt so, dass die Erde wackelt und der Himmel zittert." - "Halt, halt, bist du nicht vielleicht dem Esel begegnet?" fragte der Wolf. "Bestimmt. Schon gut, morgen holen wir ihn uns mit dem Fangseil."
Am nächsten Tag besorgte sich der Wolf ein Fangseil, das eine Ende band er dem Tiger um den Hals, das andere um seinen eigenen, und so trabten sie zur Wiese. Der Wolf voran, der Tiger hinterdrein, stets auf Lauer. Der Esel sah sie von weitem kommen und machte das gleiche: den Schwanz hoch, das Maul auf und brüllte noch lauter als das vorige Mal. Der Tiger zum Wolf: "He, Gefährte, du willst mich wohl diesem Ungeheuer zum Fraß vorsetzen!" Damit zerrte er aus allen Kräften und riss dem Wolf den Kopf ab. Atemlos rannte der Tiger nach Hause.
Da kam eine Elster zu ihm geflogen. Sie plapperte, plauderte und fragte den Tiger nach allem aus, dann sagte sie: "Warte mal, ich fliege auf die Wiese und sehe nach, was dort für ein Tier umherläuft und was es treibt. Ich werde alles genau auskundschaften und dir melden." Damit flatterte die Elster zur Wiese. Der Esel sah sie von weitem, legte sich hin und streckte wie tot alle Viere von sich. Die Elster spähte herunter und freute sich. Das schreckliche Tier hatte sein Leben ausgehaucht! Nun ließ sie sich auf den Esel nieder, stolzierte auf ihm hin und her und überlegte, was sie dem Tiger von ihrem Sieg über dieses Ungeheuer vorlügen könnte. Da entdeckte sie zu ihrem Unglück in der Erde ein Weizenkorn, zielte schon mit ihrem Schnabel darauf, geriet aber mit dem Kopf dem Esel zwischen die Knie. Da wurde der Esel lebendig. Er klemmte die Elster zwischen seine Beine und schlug mit dem Schwanz auf sie ein, dass die Elsterfedern in alle Winde stoben. Zu guter Letzt versetzte er ihr noch eins mit dem Huf, und die Elster rollte an den Rand der Wiese.
Hier lag sie so lange, bis sie ein wenig zu sich kam, dann flog sie ächzend und stöhnend zurück. Von weitem rief sie dem Tiger zu: "Rette dich, so schnell du kannst! Das verfluchte Tier hat mich für immer zum Krüppel gemacht! Pass auf, dass es dir nicht ebenso ergeht." Der Tiger bekam es mit der Angst zu tun. Er packte seine Siebensachen und zog für immer in fremde Lande. Der tapfere Esel aber lebt bis heute auf der großen Wiese.

Der weise Shirensche und die Schöne Karaschasch

Es war einmal, lange ist es her, ein weiser Mann namens Shirensche-Scheschen. Sein Geist war tief und unendlich wie das Meer, die Worte flossen wie Nachtigallengesang aus seinem Mund. Dennoch war Shirensche arm wie kein anderer in der Steppe; seine Hütte war so klein, dass seine Beine herausragten, wenn er sich hinlegte, bei Unwetter drangen Wind und Regen durch die vielen Ritzen hinein.
Einmal ritt Shirensche mit seinen Gefährten durch die Steppe. Es ging schon auf den Abend zu, und die Reiter gaben ihren Pferden die Sporen, um noch bei Tageslicht eine Behausung zu erreichen. Plötzlich schnitt ihnen ein breiter Steppenfluß den Weg ab. Am anderen Ufer lag ein Aul, an diesem sammelten einige Frauen getrockneten Mist in Säcke. Die Reiter ritten näher, begrüßten sie freundlich und fragten, wie sie über den Fluss setzen könnten. Da trat ein junges Mädchen hervor, von ihren Freundinnen die Schöne Karaschasch genannt. Sie trug ein schäbiges, geflicktes Kleid, strahlte jedoch über und über von unsagbarer Schönheit: Ihre Augen funkelten wie Sterne, ihr Mund war wie der Mond, ihre Gestalt schlank und geschmeidig wie eine Gerte. "Es gibt zwei Furten", sagte das Mädchen. "Die, linkerhand, ist nahe, aber fern; jene, rechterhand, ist fern, aber nahe." Und sie zeigte zwei Pfade, die zu den Furten führten. Nur Shirensche verstand die Worte des Mädchens und lenkte sein Pferd nach rechts. Nach einer Weile erspähte er die Furt. Der Boden war sandig, das Wasser seicht. Ohne Mühe setzte er über den Fluss und war bald zum Aul geritten. Seine Gefährten wählten die nahe Furt und bereuten es sehr schnell. Sie hatten die Mitte des Flusses noch nicht erreicht, da versackten ihre Pferde tief im Schlamm, sie mussten an der tiefsten Stelle absitzen und mit dem Zügel in der Hand zu Fuß zum Ufer waten. Es dämmerte schon, als sie durchnässt und frierend im Aul anlangten.
Shirensche lenkte sein Pferd zur letzten Jurte, der ärmlichsten im Aul. Er erriet, dass sie den Eltern jenes Mädchens gehörte, das ihnen den Weg gewiesen hatte. Shirensche wartete auf die Gefährten, und die Reiter waren gerade von ihren Pferden gestiegen, da kam ihnen die Mutter des Mädchens entgegen und bat sie, ihr Gast zu sein. Sie dankten der guten Frau und gingen hinein. Innen war die Jurte ebenso armselig wie außen. Anstelle der Teppiche breitete die Frau vor den Gästen Felle aus. Bald darauf betrat Karaschasch mit einem vollen Sack getrockneten Mist auf den Schultern die Jurte. Es war Frühling, und vor Sonnenuntergang hatte es stark geregnet. Alle Frauen kehrten mit nassem Mist aus der Steppe zurück, und ihre Familien mussten sich in dieser Nacht ohne Abendessen schlafen legen. Nur Karaschasch brachte gedörrten Mist. Sie machte Feuer, die Gäste konnten sich wärmen und trocknen. "Wie kommt es, dass dein Mist trocken ist?" fragten die Reiter.
Das Mädchen erzählte, sie hätte sich auf den Sack gelegt und diesen mit ihrem Körper zugedeckt, als der Regen begann. Ihr Kleid wurde nass, aber das trocknete am Feuer schnell. Das musste sie tun, denn ihr Vater, ein Hirte, kam nachts hungrig und durchnässt heim und brauchte Feuer. Die anderen Frauen versteckten sich unter den Säcken, aber so wurden ihre Sachen und auch der Mist nass. Die Gäste hörten die Antwort des Mädchens und staunten über ihren Verstand. Nun waren sie neugierig, was man ihnen zum Abendbrot vorsetzen würde.
Karaschasch sagte: "Mein Vater ist ein armer, aber gastfreundlicher Mann. Er hütet die Herde des reichen Beis und schlachtet, wenn es ihm glückt, für euch einen Hammel, wenn es ihm nicht glückt, sogar zwei." Niemand außer Shirensche verstand die Worte des Mädchens, alle glaubten, sie scherze. Ihr Vater kam. Als er in seiner Jurte Fremde sah, lief er zum Bei und bat um einen Hammel für die unverhofften Gäste. Der Bei jagte ihn davon. Nun schlachtete der Hirte sein einziges Schaf, das bald ein Lämmchen bringen sollte, und bereitete aus dem Fleisch ein schmackhaftes Essen für die fremden Dshigiten. Erst jetzt erfassten die Gäste den Sinn der Worte, die Karaschasch gesprochen hatte.
Beim Abendessen saß Shirensche Karaschasch gegenüber. Von ihrer Schönheit und Klugheit betört, legte er zum Zeichen seiner Liebe unauffällig die Hand ans Herz. Karaschasch, die kein Auge von ihm ließ, bemerkte diese Bewegung und berührte mit den Händen ihre Augen. Damit wollte sie sagen, dass ihr seine Gefühle nicht verborgen blieben. Dann strich sich Shirensche mit den Händen über den Kopf und wollte damit fragen, ob der Vater nicht so viel Vieh als Brautgeld von ihm verlange, wie er Haare auf dem Kopf habe. Karaschasch fuhr mit der Hand über das Fell, das unter ihr lag, und deutete damit an, dass der Vater sie nicht für so viel Vieh hergibt, wie das Schaffell Wollhärchen hat.
Der bettelarme Shirensche ließ traurig den Kopf hängen. Das Mädchen bekam Mitleid mit ihm. Sie drehte ein Stück Fell um und berührte mit den Fingern die glatte Seite. Sie gab Shirensche zu verstehen, dass der Vater sie auch umsonst gibt, wenn sich ein achtbarer Bräutigam findet. Der Hirte beobachtete das wortlose Zwiegespräch der jungen Leute. Er sah, dass sie Liebe zueinander gefasst hatten und Shirensche ebenso klug war wie seine Tochter. Deshalb willigte er, als Shirensche bei ihm um die Hand seiner Tochter anhielt, freudig ein. Drei Tage später brachte Shirensche seine junge Frau in seinen Aul.
Die Kunde von der schönen und klugen Karaschasch verbreitete sich rasch in der weiten Steppe und kam schließlich dem Khan zu Ohren. Der Khan, der von seinen Wesiren erfuhr, dass es keine schönere und klügere Frau unter der Sonne gebe als Karaschasch, brannte vor Neid auf den armen Teufel Shirensche und sann darauf, ihm die Frau zu rauben. Eines Tages hielt ein Bote des Khans vor der armseligen Hütte Shirensches und befahl ihm im Namen des Khans, mit seiner Frau unverzüglich im Palast zu erscheinen. Da war guter Rat teuer. Sie machten sich auf den Weg. Als der Khan Karaschasch erblickte, verliebte er sich in sie und wollte sie zur Frau, koste es, was es wolle. Deshalb nahm er Shirensche in Dienst. Tagsüber diente Shirensche in dem prunkvollen Palast des Khans, abends kehrte er müde in seine ärmliche Hütte zu Karaschasch zurück. Dann legte er, seine Freiheit genießend, der geliebten Frau den Kopf auf den Schoß und sprach: "Welch ein Glück, in der eigenen Hütte zu sitzen! Sie ist größer als alle Khangemächer." Seine Beine aber ragten über die Schwelle.
Die Zeit verging, der Khan jedoch sann unentwegt darüber nach, wie er sich Shirensche entledigen und Karaschasch besitzen könne. Er gab ihm gefährliche und knifflige Aufträge, die Shirensche aber immer schnell und genau ausführte und sich nichts zuschulden kommen ließ. Nun begab es sich, dass der Khan mit seinem Gefolge durch die Steppe ritt. Es war ein stürmischer Tag. In großen Knäueln rollte die Pflanze Männertreu durch die Steppe. Der Khan sprach zu Shirensche: "Jage dem Männertreu nach und frage, wohin und woher es rollt.
Wehe dir, wenn du keine Antwort erhältst, dann ist dein Kopf ab." Shirensche eilte dem Männertreu nach, holte es ein, stach mit der Lanze hinein, blieb so ein Weilchen stehen und kehrte zurück. Der Khan fragte: "Nun, was hat das Männertreu gesagt?" Shirensche antwortete: "O großer Khan, das Männertreu sendet dir einen Gruß und gab mir folgendes zur Antwort: Wohin und woher ich rolle, weiß allein der Wind, wo ich liegen bleibe, weiß allein die Schlucht. Das versteht sich von selbst. Entweder bist du ein Dummkopf, dass du mir solche Fragen stellst, oder der Khan ist ein Dummkopf, dass er dich schickt, mich danach zu fragen." Der Khan verstand die Andeutung, erwiderte Shirensche jedoch nichts darauf, wurde nur noch erbitterter gegen diesen.
Ein anderes Mal befahl der Khan dem Burschen unter Todesdrohung, er solle weder tags noch nachts, weder zu Fuß noch zu Pferde bei ihm erscheinen, er dürfe weder auf der Straße bleiben noch in den Palast treten. Nun ließ Shirensche den Mut sinken, fragte Karaschasch um Rat, und sie sannen darüber nach, wie sie aus der Bedrängnis herauskommen könnten. Shirensche ritt im Morgengrauen auf einer Ziege zum Palast und blieb unter dem Querpfosten des Tores stehen.
Wieder hatte der Khan mit seiner Tücke nichts ausgerichtet. Er ersann eine neue. Als es Herbst wurde, ließ er Shirensche kommen, gab hm vierzig Hammel mit den Worten: "Diese Hammel hast du den Winter über zu hüten. Aber wisse: Wenn sie im Frühjahr keine Lämmer bringen wie Schafe, lasse ich dir den Kopf abschlagen." Tief betrübt trat Shirensche den Heimweg an und trieb die Hammelherde vor sich her. "Was hast du, lieber Mann?" fragte ihn Karaschasch. "Warum bist du so traurig?" Shirensche erzählte ihr von dem törichten Geheiß des Khans. "Mein Liebster", rief Karaschasch, "gräme dich nicht wegen solcher Nichtigkeiten! Schlachte im Spätherbst alle Hammel, und im Frühling wird sich alles zum Besten wenden." Shirensche tat, wie Karaschasch ihm geraten.
Der Frühling kam. Eines Tages klopfte der Bote des Khans an Shirensches Tür und erklärte, ihm reite der Khan nach, er wolle erfahren, ob die Hammel Junge geworfen haben. Shirensche ließ den Kopf hängen, denn er glaubte, nun sei ihm der Tod Gewiss. Karaschasch aber sprach: "Gräme dich nicht, mein Kluger. Verstecke dich in der Steppe und lass dich bis zum Abend nicht blicken. Ich selbst will den Khan empfangen. Alles wird gut. Nun aber eile!"
Shirensche gehorchte seiner Frau und versteckte sich in der Steppe, Karaschasch blieb in der Hütte. Bald darauf hörte sie Pferdegetrappel und die drohende Stimme: "He, wer da! Gebt Antwort!" An der Stimme erkannte Karaschasch den Khan. Sie trat hinaus und verneigte sich tief. "Wo ist dein Mann? Warum begrüßt er mich nicht?" fragte der Khan böse. Karaschasch antwortete ihm ehrfurchtsvoll: "Oh, allmächtiger Khan, lasse Gnade über meinem unglückseligen Gatten walten. Er verließ das Haus, um es dir recht zu machen. Als er hörte, dass du auf dem Weg zu uns bist, übermannte ihn Trauer, weil wir arm sind und keinen Vorrat für die Bewirtung hoher Gäste besitzen. Er eilte in die Steppe, um sein zahmes Wachtelweibchen zu melken und aus ihrer Milch Kumys anzusetzen. Trete ein in unsere Hütte, großer Khan, mein Mann kommt bald zurück und bewirtet dich aufs Beste."
Der Khan wurde rasend. "Du machst dich lustig über mich, freches Weib!" schrie er. "Wo hat man je gesehen, dass ein Wachtelweib gemolken wird!" - "Weshalb wunderst du dich, klaräugiger Khan?" sagte Karaschasch, als wäre nichts geschehen. "Weißt du denn nicht, dass in einem Land, in dem ein Weiser regiert, noch ganz andere Wunder geschehen? Sind es nicht deine vierzig Hammel, die, wenn nicht heute, dann Gewiss morgen lammen?" Nun begriff der Khan, dass man ihn überlistet hatte. Er wusste nicht aus noch ein vor Scham, wendete jäh sein Pferd, trieb es aus Leibeskräften an und entschwand ihrem Blick. Fortan ließ er Shirensche und Karaschasch in Ruhe, und sie lebten zusammen bis ins hohe Alter.
Shirensche war auf der Jagd, als Karaschasch starb. Nach dem damaligen Brauch ritten seine Gefährten ihm entgegen. um ihm die traurige Kunde zu bringen. Shirensche zeigte sich in der Ferne. Er ritt im Schritt und sang ein fröhliches Lied. An seinem Sattel hingen drei erlegte Schwäne. Die Gefährten hießen Shirensche neben sich setzen und, da sie zögerten, ihm die schmerzliche Nachricht zu überbringen, fingen sie die Unterhaltung weit ausholend an. "Du bist allerorts für deine Klugheit bekannt, Shirensche", sagten sie. "Antworte uns also: Was verliert der Mensch, wenn der Vater stirbt?" Shirensche schwieg eine Weile und antwortete dann: "Wenn der Vater stirbt, stürzen die Mauern der Festung ein, die Not und Kummer vom Menschen fernhielten." - "Und was verliert der Mensch, wenn seine Mutter stirbt?" Shirensche antwortete: "Wenn die Mutter stirbt, versiegt der Brunnen der Liebe, der den Menschen tränkte." - "Und womit vergleichst du den Tod des Bruders?" fragten die Gefährten. Shirensche gab zur Antwort: "Wenn der Bruder stirbt, fällt die Stütze ein, die den Menschen hielt " - "Sage nun zu guter Letzt, weiser Shirensche: Was verliert der Mensch mit dem Tod seiner geliebten Frau?" - "Meine Karaschasch ist tot!" rief Shirensche, der alles ahnte. Er wollte zur Leiche seiner Liebsten eilen und sich, tränenüberströmt, auf den Peitschenstock gestützt, erheben. Aber der Stock zerbrach unter ihm, und Shirensche stürzte tot nieder.


Quelle: www.hekaya.de

Dort finden Sie noch viele weitere Märchen aus Kasachstan

Die Autoren dieser Märchen und Geschichten sind uns nicht bekannt.

Literatur aus Kasachstan

Literatur aus Kasachstan

Vielleicht weckt das ab November des Jahres 2009 in Deutschland erhältliche Werk „Das Haus des Heimatlosen" des russlanddeutschen Schriftstellers Herold Berger wieder mehr Interesse an politischen Zusammenhängen. Der Roman erscheint im Verlag Hans Schiler und erzählt über die Deportation der Wolgadeutschen und ihre Entrechtung nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR 1941. Selbst als Sechsjähriger in den Strudel der Ereignisse gerissen und mit dem Vater in einen kasachischen Aul verschlagen, vermittelt Belger dem Leser die Vorgänge auch innerhalb der Fiktion als authentisch.

Die Ausstellung kasachstanischer Werke auf der Frankfurter Buchmesse 2009 erfolgte im wesentlichen dank zwei Verlage - Almatykitap Baspasy und Mektep. Die farbenprächtigen Bücher luden die Messebesucher zum Durchblättern ein. Insbesondere die Serie „Mein Kasachstan", aber auch die künstlerischen Werke und Kinderbücher zeugen von der hohen Druckqualität des Verlags Almatykitap Baspasy